19.07.2022

Schwindel – wenn das Gleichgewicht verrücktspielt (mit 🎬 Video)

Schwindel ist ein häufiges Symptom, unter dem besonders oft ältere Menschen leiden. Welche Formen von Schwindel gibt es? Wann muss sofort gehandelt werden? Welche Therapien helfen? Hier erfahren Sie mehr dazu.

Unser Artikel im Überblick:

Schwindel – genaue Diagnose wichtig

Plötzlich schwankt alles oder dreht sich gar – ein unangenehmes Gefühl, dem man sich hilflos ausgeliefert fühlt. Häufig sind Schwindel-Betroffene zudem beim Stehen und Gehen unsicher, oft verbunden mit Übelkeit oder Sehstörungen.

Schwindel ist sehr verbreitet

Jährlich erkrankt rund einer von zehn Menschen neu an Schwindel. Er ist damit eines der häufigsten Krankheitssymptome. Die Bandbreite an Schwindelformen ist groß. Gleiches gilt für die Auslöser. Nicht jeder Schwindel ist gefährlich, allerdings sollten die Ursachen immer abgeklärt werden. Manchmal kann auch eine schwerwiegende oder sogar lebensbedrohliche Krankheit dahinterstecken. Mehr dazu erfahren Sie weiter unten.

Ursache Halswirbelsäule?

Oft suchen Betroffene den Grund für ihren Schwindel in der Halswirbelsäule (HWS). Die meisten Schwindelerkrankungen haben ihre Ursache aber nicht hier. Ob HWS-Erkrankungen überhaupt Schwindel verursachen können, ist unter Fachleuten umstritten und nicht belegt.

Gute Aussichten

Richtig behandelt verbessern sich viele Schwindelerkrankungen deutlich oder werden komplett geheilt. Wichtig ist, dass zunächst eine korrekte Diagnose mittels einer fachgerechten klinischen Untersuchung gestellt wird. Die erste Frage lautet dabei: Handelt es sich um Dreh- oder Schwankschwindel? Die Antwort gibt bereits einen Hinweis auf mögliche Ursachen.

Drehschwindel

Mit Drehschwindel ist das Gefühl gemeint, wenn man sich schnell dreht und danach versucht geradeaus zu laufen. Ein ähnliches Gefühl stellt sich auf einem schnell drehenden Karussell ein. Tritt dieser Drehschwindel ohne solche Auslöser auf, weist das am ehesten auf eine Ursache im Innenohr oder Gleichgewichtsnerven hin.

Schwankschwindel

Anders ist der Schwankschwindel. Er bezeichnet ein Gefühl wie auf einem schwankenden Schiff. Man hat Schwierigkeiten auf den Beinen sicher zu laufen, aber die Unsicherheit geht nicht in eine bestimmte Richtung. Tritt der Schwindel akut auf, sind die Ursachen oft eher neurologischer Art, also im Gehirn zu finden. Sind die Beschwerden chronisch, kann das auf andere Ursachen hinweisen, zum Beispiel eine beidseitige Schädigung der Gleichgewichtsorgane und -nerven.

Checkliste: Was habe ich?

Viele Betroffene finden es schwierig, zwischen Dreh- und Schwankschwindel zu unterscheiden. Zielführender für die Diagnose ist der zeitliche Verlauf der Schwindelsymptome. Hier hilft folgende Checkliste:

  • Akut auftretender, anhaltender Dreh- oder Schwankschwindel: Das spricht für einen Ausfall oder eine Entzündung eines Gleichgewichtsnerven. Auch infrage kommt eine Durchblutungsstörung in den Gleichgewichtszentren des Hirnstammes oder Kleinhirns. Das kann zum Beispiel der Fall nach einem Schlaganfall sein. In diesem Fall ist schnelles Handeln angesagt und man sollte sofort den Notruf 112 wählen.
  • Wiederholte Schwindelanfälle mit Auslöser: Sie sprechen zum Beispiel für eine gutartigen Lagerungsschwindel, wenn sie durch Lagewechsel ausgelöst werden. Werden sie durch Pressen oder Husten ausgelöst, ist eher eine Fistel im Innenohr der Grund.
  • Wiederholte Schwindelanfälle ohne Auslöser: Dabei kann es sich um eine vorübergehende Durchblutungsstörung nach einem „Mini-Schlaganfall“ (TIA) in den Gleichgewichtszentren des Gehirns handeln. Auch möglich sind eine Schwindelmigräne oder die Menière’sche Innenohrerkrankung, wenn Hörstörungen dabei sind.
  • Chronischer Schwindel: Hier kann eine beidseitige Schädigung der Gleichgewichtsorgane und -nerven vorliegen, eine gestörte Tiefenempfindung der Beine (etwa bei einer Polyneuropathie), eine Störung im Kleinhirn oder ein sogenannter funktioneller Schwindel.

Im Folgenden erklären wir die häufigsten Schwindelformen, wie sie zustande kommen und was man gegen sie tun kann.

Funktioneller Schwindel

Am häufigsten leiden Betroffene unter einem sogenannten funktionellen Schwindel. Auslöser ist oft eine organische Erkrankung im Gleichgewichtssystem, die ursprünglich Schwindel auslöste. Das kann zum Beispiel ein Lagerungsschwindel oder eine Entzündung des Gleichgewichtsnerven sein. Mitunter bleiben Schwindelbeschwerden dann bestehen, auch wenn die Krankheit ausgeheilt ist. Man spricht dann von einem funktionellen Schwindel.

Auslöser: Angst und Verunsicherung

Der Grund für den funktionellen Schwindel ist im Gehirn zu suchen: Macht der Schwindel Betroffenen sehr zu schaffen, kann schon die Angst vor einer nächsten Attacke erneuten Schwindel auslösen. „Dieser Teufelskreis verfestigt sich dann unabhängig von körperlichen Ursachen“, sagt Prof. Dr. Wolfgang Heide, Chefarzt der Neurologie am Allgemeinen Krankenhaus Celle. Er ist Fachbeirat der Deutschen Hirnstiftung zum Thema Schwindel.

Gleichgewichtssinn nicht mehr trainiert

Besonders hoch ist die Gefahr für die Entwicklung eines funktionellen Schwindels, wenn der Schwindel plötzlich auftritt oder seine Ursachen den Betroffenen nicht klar sind. Das verunsichert und fördert, dass der Schwindel immer wiederkommt und bestehen bleibt. Der Grund: Betroffene vermeiden oft alles, was Schwindel auslöst. So verhindern sie aber auch, dass der leicht störbare Gleichgewichtssinn nach der organischen Erkrankung wieder trainiert wird.

Gehirn berechnet Bewegungen falsch voraus

Ist der Gleichgewichtssinn aus dem Lot, werden aktive Kopf- oder Körperbewegungen vom Gehirn falsch vorausberechnet. Bei jeder Bewegung des Kopfes, des Körpers beim Gehen und Stehen oder der visuellen Umgebung kommt es dann zu funktionellem Schwindel.

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Weitere Risikofaktoren

Es gibt zudem weitere psychische Risikofaktoren, die zu einem funktionellen Schwindel beitragen können. Diese sind:

  • Angsterkrankungen und Depressionen
  • starke körpernahe Wahrnehmung von Gefühlen und hohe Aufmerksamkeit für Körpersymptome
  • vermehrtes Bedürfnis nach Kontrolle

Behandlung von funktionellem Schwindel

Zur Behandlung des funktionellen Schwindels sollte eine spezielle Physiotherapie, eine sogenannte vestibuläre Rehabilitation, einzeln oder zusammen mit einer Verhaltens-Psychotherapie erfolgen. Bei der Psychotherapie steht zunächst im Vordergrund, über das Krankheitsbild aufzuklären. Dann geht es darum, Ursachen wie zum Beispiel Ängste mit verhaltenstherapeutischer Hilfe zu überwinden. Wenn zeitgleich eine depressive Störung oder Angsterkrankung vorliegt, können Antidepressiva den Schwindel positiv beeinflussen.

Vestibuläre Rehabilitation bei Schwindel

Diese Art der Physiotherapie umfasst ein systematisches Training, in dem man das Gleichgewicht durch ständige Bewegungsreize schult. „Es wird quasi neu kalibriert“, erklärt der Celler Schwindel-Experte Heide. Das geschieht zunächst nur mittels Augenbewegungen, dann mit Kopfbewegungen und danach mit Balance-Übungen. Möglich ist das Training alleine oder mit therapeutischer Begleitung. Gerade bei Gleichgewichtsstörungen im Alter ist das sinnvoll.

Desensibilisierungs-Training

Ein wichtiger Baustein der vestibulären Rehabilitation ist ein Desensibilisierungs-Training. Hier konfrontieren Betroffene sich gezielt und angeleitet mit schwindel-auslösenden Bedingungen und Bewegungen. Dabei konzentrieren sie sich mit dem Blick auf räumlich stabile Bezugspunkte (etwa Türrahmen, Wände, Bäume, Fensterrahmen) und halten sich quasi optisch daran fest. So lässt sich auch bei aktiver oder passiver Bewegung wieder eine stabile Raumwahrnehmung ohne Schwindelgefühl erreichen.

Gutartiger Lagerungsschwindel

Andere Schwindelleiden sind vorrangig körperlicher Natur. Bei fast jedem fünften Fall handelt es sich um einen gutartigen Lagerungsschwindel, der komplett heilbar ist. Hier tritt plötzlich starker Drehschwindel auf, ausgelöst durch Kopf- und Körperbewegungen. Bei Ruhe klingt der Schwindel nach 10 bis 20 Sekunden wieder ab. „Häufig betroffen sind gerade ältere Menschen“, sagt Heide.

Ursachen

Der Lagerungsschwindel ist auf Probleme mit dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr zurückzuführen. Dort befinden sich Sinneszellen, die mit winzigen, leicht beweglichen Kalksteinchen verbunden sind. Zusammen erfassen sie, ob und wie der Kopf gedreht wird. Die Ohrsteinchen können sich jedoch lösen und die Sinneszellen bei gewissen Körperbewegungen oder ‑positionen zusätzlich reizen. Da diese Reize nicht zu dem passen, was zum Beispiel das Auge an Körperbewegungen wahrnimmt, tritt ein intensiver Drehschwindel auf.

Behandlung

„Die Behandlung liegt dann auf der Hand“, sagt Schwindel-Fachmann Heide. Das losgelöste Steinchen muss aus dem sogenannten Bogengang des Gleichgewichtsorgans entfernt werden. In der Praxis geschieht das durch ein sogenanntes Befreiungsmanöver. Dabei bewegt man den Kopf der Betroffenen in einer bestimmten Abfolge von Positionen, je nachdem welcher der sechs Bogengänge des Innenohres betroffen ist.

Ausfall eines Gleichgewichtsnerven

Bei anhaltendem Drehschwindel können auch Durchblutungsstörungen oder eine virale Entzündung des Gleichgewichtsnerven vorliegen (akute unilaterale Vestibulopathie – AUVP). Weitere Symptome sind dabei starke Übelkeit, Erbrechen, Augenzittern und Fallneigung zur betroffenen Seite. Für diese Fälle gibt es in der Akutphase wirksame Medikamente. Parallel sollte von Anfang an eine vestibuläre Rehabilitation durchgeführt werden.

Bei der AUVP kommt es innerhalb von ein bis zwei Wochen zum Stillstand der Beschwerden. In etwa 80 Prozent der Fälle erholt sich der ausgefallene Gleichgewichtsnerv komplett.

Schädigung in den Gleichgewichtszentren im Hirnstamm oder Kleinhirn

Schwere Schwindelattacken können auch auf einen Schlaganfall im Hirnstamm oder Kleinhirn hinweisen. Daher sollte man sich bei akut auftretendem Dreh- oder Schwankschwindel unmittelbar ärztlich untersuchen lassen. Kommt eins der folgenden Symptome hinzu, verstärkt das den Verdacht auf einen Schlaganfall zusätzlich:

  • Hängt ein Mundwinkel herab, wenn die betroffene Person lächelt?
  • Kann sie beide Arme heben oder einen Satz nachsprechen?
  • Hat sie Sehstörungen oder Doppelbilder, Taubheitsgefühle im Gesicht oder Arm, eine verwaschene Aussprache?
  • Ist sie unfähig, auch nur kurze Zeit frei zu stehen?

WICHTIGER HINWEIS: Wenn ein Schlaganfall wahrscheinlich ist, zählt jede Minute und man sollte sofort den Notruf 112 wählen.

Schlaganfälle hinterlassen oft Restfolgen für den Gleichgewichtssinn, die sich aber durch konsequentes Training minimieren lassen. Dieses wird stufenweise über mehrere Wochen intensiviert.

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Schwindelanfälle bei Migränepatienten

Ein Teil der Menschen mit Migräne erlebt Schwindelanfälle als Symptom, auch Schwindelmigräne (vestibuläre Migräne) genannt. Sie führt zu immer wieder auftretenden Schwindelanfällen und Hörstörungen über einige Stunden hinweg. Schwindelmigräne ist meist heilbar. Ihre Frequenz und Schwere können durch Medikamente positiv beeinflusst werden. Auch lässt sich den Schwindelanfällen durch spezielle Medikamente vorbeugen.

Das können Betroffene bei Schwindel tun

Viele Menschen mit Schwindelerkrankungen haben einen hohen Leidensdruck und sind im Alltag deutlich beeinträchtigt. Doch meist lässt sich zeitnah eine gute Lebensqualität wiederherstellen. Wichtig ist, dass eine genaue Diagnose gestellt wird und eine spezifische Behandlung erfolgt.

Ursachen behandeln statt Schwindel-Auslöser meiden

Ein übergreifendes Therapieziel ist, dass Betroffene nicht anfangen, die Auslöser des Schwindels zu vermeiden, sondern ihn wie beschrieben behandeln lassen. Sogenannte Schwindel-Medikamente können diesem Prozess und somit der Symptomlinderung sogar im Wege stehen. Auch machen sie müde und behindern, dass das Gehirn sich wirksam anpassen kann.

Beschwerden beobachten, Ursachen finden

Wichtig ist zunächst, die Beschwerden genau zu beobachten. Folgende Fragen helfen, um möglichen Ursachen auf die Spur zu kommen:

  • Wie äußern sich die Schwindelgefühle konkret? Ist es ein Dreh- oder Schwankschwindel?
  • Wie lange dauert die Attacke? In welchen Situationen treten die Beschwerden auf?
  • Welche Symptome sind noch dabei – etwa Kopfschmerzen, Hörstörungen, Sprachstörungen oder Doppelbilder?

Schwindeltagebuch

Treten leichtere Schwindelanfälle gehäuft auf, ist es „oftmals sinnvoll, ein Schwindeltagebuch zu führen,“ sagt der Celler Schwindel-Experte Heide. So bekommt man einen Überblick, was hilfreich für die Behandlung ist.

Sport treiben

Gut sind auch körperliche Aktivitäten und Sportarten mit schnellen Bewegungen, wie Turnen, Ballspiele oder Tanzen. Zwar führen die Bewegungsreize vorübergehend zu vermehrtem Schwindel. Aber neben der individuellen Behandlung sind sie „sehr wichtig für die Therapie und das Trainieren des Gleichgewichtssinns“, so Heide.

Nicht Auto fahren

Das Führen eines Kfz ist beim akuten Schwindel nicht gestattet, die Dauer des Fahrverbots hängt von der jeweiligen Erkrankung ab. Hier erfahren Sie bei uns mehr zum Thema Fahreignung bei neurologischen Erkrankungen.

Spezialisierte Schwindelzentren

Spezialisierte Zentren für seltene oder komplizierte Schwindeldiagnosen gibt es an einigen Universitätskliniken. Aber in der Regel ist eine ambulante Untersuchung in einer neurologischen oder HNO-Praxis ausreichend.

WICHTIGER HINWEIS: Hat der Schwindel akut begonnen oder ist er sehr einschränkend? Dann kann es sinnvoll sein, sich rasch in eine Notaufnahme zu begeben. Wenn es Anzeichen eines Schlaganfalls gibt (wie oben beschrieben), sollte man umgehend den Notruf 112 wählen.

🎬 Video: Schwindel – was gibt es Neues aus Forschung und Praxis?

Mitschnitt einer Infoveranstaltung der Deutschen Hirnstiftung in Celle am 20. Juni 2022 mit Prof. Dr. Wolfgang Heide (Chefarzt der Neurologie) und Karin Gehrt (Physiotherapeutin) vom Allgemeinen Krankenhaus Celle.

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Weiterführende Informationen der Deutschen Hirnstiftung finden Sie hier zu:


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