Funktioneller Schwindel

Auf einen Blick

Hier finden Sie das Wichtigste auf einen Blick. Ausführliche Informationen haben wir weiter unten zusammengestellt.

Häufigkeit – Funktioneller Schwindel ist verglichen mit den anderen Schwindelsyndromen das am häufigsten vorkommende.

Hauptsymptome – Funktionelle Schwindelsyndrome äußern sich häufig durch die Wahrnehmung einer „Unsicherheit auf den Beinen“ (z. B. das Gefühl, umzukippen oder keinen festen Boden mehr zu spüren)

Diagnostik – Die diagnostischen Hinweise für das Vorliegen eines funktionellen Schwindelsyndroms ergeben sich aus der körperlichen (z. B. Gleichgewichtssystem) und psychischen Untersuchung.

Behandlung –  Die Therapie kann durch spezielle Physiotherapie, Psychotherapie oder eine Kombination beider Ansätze erfolgen. Dabei stellt die Überwindung des Vermeidungsverhaltens ein übergreifendes Therapieziel dar.

Wichtig zu beachten –  Sogenannte Schwindel-Medikamente können dem Adaptationsprozess und somit der Symptomlinderung im Wege stehen und sollten vermieden werden.

Funktionelle Schwindelsyndrome äußern sich häufig durch die Wahrnehmung einer „Unsicherheit auf den Beinen“. Menschen haben das Gefühl „zu einer Seite zu kippen“ oder „den Boden unter den Füßen zu verlieren“. Oft ist dabei ein wankender Gang zu beobachten. Der Schwindel kann auch mit Herzklopfen oder Brustenge, Zittern, Muskelverspannungen und weiteren Beschwerden einhergehen. Gehäuft beschreiben Betroffene auch Gefühle der allgemeinen Verunsicherung, der Hilflosigkeit und des Kontrollverlusts. Die Aufmerksamkeit für die körperlichen Symptome ist dabei hoch. Spezifische Auslösesituationen und nicht selten auch eine Vielzahl von Alltagsaktivitäten werden vermieden.

Alternative Bezeichnungen für den funktionellen Schwindel sind phobischer Schwankschwindel, somatoformer Schwindel oder PPPD (engl. persistent postural-perceptual dizziness).

Akute und chronische Erkrankungen, die mit einer Störung des Gleichgewichtssystems einhergehen, stehen oft am Beginn der Entwicklung von funktionellem Schwindel. Dieser kann grundsätzlich Ursache, Folge oder Komplikation von körperlich definierten Erkrankungen der Gleichgewichtsorgane sowie beteiligter Hirnstrukturen sein. Die Phase der Anpassung an die vorübergehend oder dauerhaft veränderte Gleichgewichtswahrnehmung ist dabei zentral. Besonders hoch ist die Gefahr, einen funktionellen Schwindel zu entwickeln bei plötzlichem Auftreten oder nicht abschließender diagnostischer Einordnung von Schwindelsymptomen. Die resultierende Verunsicherung befördert die Entstehung und die Aufrechterhaltung der Symptome.

Wichtige Risikofaktoren für die Entwicklung eines funktionellen Schwindels sind:

  • vorbestehende oder akute Erkrankungen des Gleichgewichtssystems, insbesondere eine Schwindelmigräne (vestibuläre Migräne)
  • bekannte Angsterkrankungen und Depressionen
  • die körpernahe Wahrnehmung von Gefühlen und hohe Aufmerksamkeit für Körpersymptome
  • ein vermehrtes Bedürfnis nach Kontrolle
  • die Einnahme von Pharmaka oder Drogen, die zu Schwindel führen oder die Anpassung an Gleichgewichtsstörungen verhindern

Wenn Symptome länger als drei Monate andauern, kommt es im Verlauf der Erkrankung nur bei einem geringen Teil der Betroffenen zu einer spontanen Besserung. Es kann sogar eine Verschlimmerung beobachtet werden, wenn anfänglich spezifische Auslösesituationen vermieden werden und sich dies im Verlauf auf eine Vielzahl von Alltagsaktivitäten ausweitet. Gelegentlich können erschwerend andere, körperlich definierte Schwindelerkrankungen den Verlauf erschweren. Mit der Einleitung einer spezifischen Therapie, die individuelle Faktoren der Entstehung sowie die Exposition, d. h. Konfrontation mit den vermiedenen Reizen, berücksichtigt, erreicht jedoch die Mehrzahl der Betroffenen eine erhebliche Verbesserung.

Die diagnostischen Hinweise für das Vorliegen eines funktionellen Schwindelsyndroms ergeben sich aus der körperlichen und psychischen Untersuchung. Durch eine Kombination kann hier eine hohe Sicherheit in der Diagnosefindung erreicht werden. Untersucht wird das Gleichgewichtssystem, was die Prüfung des Vestibularorgans im Innenohr, die Testung der sensiblen Wahrnehmung am Körper und die Überprüfung des Sehens beinhaltet. Ein psychischer Befund sollte gleichberechtigt erhoben werden. Eine ausschließlich an den Körpersymptomen orientierte Diagnostik ist genauso wenig zielführend wie eine rein psychosomatisch-psychiatrisch orientierte Anamneseerhebung, um diagnostische Klarheit über den Entstehungszusammenhang der Symptome zu gewinnen.

Die Therapie kann durch spezielle Physiotherapie, Psychotherapie oder eine Kombination beider Ansätze erfolgen. Dabei stellt die Überwindung des Vermeidungsverhaltens ein übergreifendes Therapieziel dar. Im Bereich der Physiotherapie wird die Anpassung durch ein Gleichgewichtstraining („vestibuläre Rehabilitation“) gefördert. Psychotherapeutisch stehen zunächst die Aufklärung über das Erkrankungsbild und die individuelle Förderung der Überwindung von Ängsten im Vordergrund. Die gezielte und geleitete Exposition bzw. Konfrontation mit auslösenden Bedingungen ist ein wichtiger Baustein der weiteren Behandlung. Wenn zeitgleich eine depressive Störung oder Angsterkrankung vorliegt, kann eine Therapie mit Antidepressiva den Schwindel positiv beeinflussen. Sogenannte Schwindel-Medikamente können dem Adaptationsprozess und somit der Symptomlinderung im Wege stehen und sollten vermieden werden.

Mit einer spezifischen Therapie bestehen gute Aussichten auf eine Besserung der Symptomatik. Eine Langzeitstudie belegt diese bei drei Viertel aller Betroffenen, wobei ein vollständiges Verschwinden bei ca. einem Viertel beobachtet werden konnte. Je frühzeitiger die Diagnostik und eine spezifische Therapie eingeleitet werden, desto größer sind die Heilungschancen. Im Spontanverlauf ohne Therapie kann bei längerer Symptomdauer nicht selten auch eine Ausweitung des Vermeidungsverhaltens beobachtet werden. Langfristige und ausgeprägte Verlaufsformen machen intensive Behandlungsprogramme in speziellen Rehabilitationskliniken erforderlich. Eine besondere Berücksichtigung muss dabei auch die Behandlung fortbestehender weiterer Erkrankungen finden.

Einige Betroffene erleben die Symptome als einen Störfaktor, können ihren Alltagsbeschäftigungen aber weitgehend nachgehen. Andere erleben den Schwindel jedoch als erhebliche Einschränkung im beruflichen wie privaten Leben, sodass sie sich zunehmend von Aktivitäten zurückziehen. Hier ist eine frühzeitige ärztliche Vorstellung anzuraten. Der Umgang mit den Symptomen sollte dabei immer aktivierend zu einer Überwindung von Rückzugstendenzen beitragen, um einer Verstärkung der Symptome und der psychosozialen Folgen entgegenzuwirken. Gegebenenfalls kann im Rahmen einer spezifischen Behandlung das Ziel daher auch in einer Integration fortbestehender Symptome in das Alltagsleben bestehen.

Autoren: Dr. Matthias Hoheisel, AOK Institut für psychogene Erkrankungen, Berlin & Dr. Stoyan Popkirov, Oberarzt, Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Knappschaftskrankenhaus Bochum

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