Migräne

Auf einen Blick

Hier finden Sie das Wichtigste auf einen Blick. Ausführliche Informationen haben wir weiter unten zusammengestellt.

Häufigkeit – Migräne ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen. Man geht allein in Deutschland von mindestens 8–10 Millionen Betroffenen aus.

Hauptsymptome – Typisch sind mittelschwere bis schwere, oft halbseitige Kopfschmerzen mit Übelkeit, häufig Erbrechen, Lärm- und Lichtüberempfindlichkeit. Etwa 20 % der Betroffenen haben zusätzlich sogenannte Aurasymptome, die meist in Form von Sehstörungen den Kopfschmerzen vorausgehen.

Diagnostik – Die Diagnose wird anhand der typischen Beschwerdeschilderung und eines normalen körperlichen Untersuchungsbefunds gestellt. Apparative Verfahren sind meist nicht erforderlich.

Behandlung – Neben der Behandlung der Attacke mit Schmerzmitteln und Migräne-spezifischen Substanzen gibt es vorbeugende Therapien mit nicht medikamentösen Maßnahmen und/oder Medikamenten.

Wichtig zu beachten – Bei häufigen Attacken kann es durch die Einnahme von Schmerz- und Migräne-Akuttherapeutika an mehr als 9 Tagen pro Monat zur Verschlechterung der Migräne und zur Entwicklung von Kopfschmerzen durch Medikamentenübergebrauch kommen.

Der Migräne-Kopfschmerz ist meist halbseitig oder beidseits im Stirn- und Schläfenbereich betont, hat eine mittlere bis hohe Intensität, fühlt sich stechend oder pochend an und verstärkt sich schon bei leichter körperlicher Belastung. Begleitend kommt es zu Übelkeit und Erbrechen sowie zu Überempfindlichkeit auf Geräusche, Licht und Gerüche. Deswegen suchen Betroffene in der Attacke die Ruhe. Unbehandelt halten die Attacken 4–72 h an. Bis zu 20 % der Patienten haben – meist vor dem Einsetzen der Schmerzen – eine sogenannte Aura in Form von Sehstörungen mit Flimmersehen, z. T. auch mit Sensibilitäts- oder Sprachstörungen. Die Aura hält meist 15–30 Minuten an und dauert in der Regel nicht länger als 60 Minuten.

Migräne ist eine Erkrankung des Gehirns. Die Entwicklung der Symptome ist oft genetisch bedingt, wobei aber zusätzlich endogene und exogene Faktoren, wie z. B. Schwankungen des Östrogenspiegels, Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus, Stress, Auslassen einer Mahlzeit und unzureichende Flüssigkeitszufuhr, den Krankheitsverlauf beeinflussen. Der Kopfschmerz beruht auf einer durch Nervenfasern ausgelösten Entzündung an den Blutgefäßen des Gehirns, der sogenannten neurovaskulären Entzündung. Die Aurasymptome sind Ausdruck einer sich wellenförmig ausbreitenden Erregungshemmung der Nervenzellen in der Gehirnrinde. Sie beginnt typischerweise in den Arealen, in denen das Sehen verschaltet ist, und kann sich von dort in andere Areale, die für die Verarbeitung des Fühlens oder das Sprachvermögen verantwortlich sind, ausbreiten.

Beide Geschlechter sind betroffen, auch Kinder können bereits erkranken. Ab der Pubertät sind Frauen 2- bis 3-mal so häufig betroffen wie Männer. Das Risiko ist bei mehreren Betroffenen in der Familie höher als ohne familiäre Belastung. Die Schwere des Verlaufs beeinflussen vor allem psychische Belastungsfaktoren, Besonderheiten des persönlichen Lebensstils (Umgang mit Stress, ungesunde Lebensgewohnheiten, Bewegungsmangel), aber auch Begleiterkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder andere Erkrankungen, die mit Schmerzen einhergehen. Auslöser von Attacken (sogenannte Trigger) können Alkohol, Schlafmangel und Stress sein. Diese Faktoren sollten individuell erkannt und vermieden werden.

Erste Attacken können schon im Kindesalter auftreten. Bei der kindlichen Migräne können neben Kopfschmerzen auch andere Symptome auftreten (z.B. Bauchschmerzen). Am häufigsten manifestiert sich die Migräne jedoch in der 2. und 3. Lebensdekade. Oft liegt die episodische Verlaufsform vor, dann treten Attacken bei leichten Verläufen nur gelegentlich auf. Die meisten Betroffenen haben jedoch mindestens eine Attacke im Monat. Von einem chronischen Verlauf spricht man, wenn über mindestens 3 Monate mindestens 15 Kopfschmerztage pro Monat auftreten. Chronische Verläufe treten bei etwa 2 % der Bevölkerung auf. Im höheren Lebensalter kommt es oft zu einer Besserung der Migräne mit weniger häufigen und weniger schwer verlaufenden Attacken.

Die Symptomatik ist so charakteristisch, dass bei typisch geschilderten Verläufen und normalem Untersuchungsbefund keine apparativen Untersuchungen mit CT oder Kernspintomographie erforderlich sind.

Bereits die Aufklärung über die Erkrankung, ihre hirnorganische Ursache und mögliche Einflussgrößen gehört zur Therapie. Wichtig ist auch die Dokumentation von Kopfschmerzen und Medikation in einem Kopfschmerzkalender. Alternativ kann eine digitale Dokumentation durch geeignete Apps erfolgen.

Die Behandlung der einzelnen Kopfschmerzattacke erfolgt mit überwiegend ohne Rezept erhältlichen Schmerzmitteln, vorzugsweise kombiniert mit einer Substanz gegen Übelkeit und Erbrechen. Wird so keine ausreichende Linderung erzielt, können auch Migräne-spezifische Substanzen, die sogenannten Triptane, eingenommen werden.

Behandelt man einerseits früh bei den ersten Anzeichen, aber zugleich nicht zu häufig mit diesen Substanzen, kann bei der großen Mehrheit der Betroffenen eine gute Symptomkontrolle erreicht werden. Zudem sollte jeder Migräne-Patient nicht medikamentöse Basismaßnahmen wie Entspannungsübungen und regelmäßigen Ausdauersport praktizieren.

Treten Attacken dennoch mehr als 3-mal pro Monat auf, wird vorübergehend mit vorbeugend wirksamen Medikamenten behandelt. Diese müssen vom Arzt verordnet und ihre Wirkung muss kontrolliert werden. Die häufigsten Substanzen zur Migräne-Prophylaxe sind Betarezeptorenblocker und eine Reihe von Substanzen, die auch zur Behandlung von Epilepsie oder Depressionen eingesetzt werden. Für die chronische Migräne findet auch Botulinumtoxin Anwendung.

All diese Substanzen wurden primär für die Therapie anderer Erkrankungen entwickelt und der Migräne-prophylaktische Effekt wurde erst später erkannt und in Studien belegt. Neu entwickelte Migräne-spezifische Prophylaktika richten sich gegen die Effekte des Botenstoffs CGRP, der bei der Ausbildung der neurovaskulären Entzündung (s. o.) eine bedeutende Rolle spielt. Alle genannten Substanzen werden in Abhängigkeit von der Schwere der Migräne und ggf. begleitenden anderen Erkrankungen eingesetzt.

Die Dauer der prophylaktischen Behandlung wird auch vom Verlauf der Erkrankung unter der Therapie bestimmt. In der Regel wird die Notwendigkeit einer Prophylaxe nach 9–12 Monaten mit einem Auslassversuch überprüft.

Leider gibt es bislang keine Möglichkeit, Migräne zu heilen. Durch individuell abgestimmte Therapiemaßnahmen können die Betroffenen jedoch in den meisten Fällen eine sehr gute Symptomkontrolle erreichen.

Jeder Betroffene muss lernen, mit dieser Erkrankung zu leben. Dazu gehört, modifizierbare Auslöser für Attacken nach Möglichkeit zu reduzieren und sich auf der anderen Seite einzugestehen, dass schwere Attacken zu einer reellen Minderung der Leistungsfähigkeit führen. Sonst läuft man Gefahr, sich zu überlasten.

Migräne ist entgegen einer oft geäußerten Meinung keine psychische Erkrankung und sollte auch nicht mit einem banalen Spannungskopfschmerz, der viel besser mit Schmerzmitteln kontrolliert werden kann, verwechselt werden. Migräne ist die häufigste schwere Kopfschmerzerkrankung, die aufgrund der lebenslang immer wieder auftretenden Attacken zu einer ganz erheblichen Beeinträchtigung des Privat- und Berufslebens sowie sozialer Aktivitäten führt.

Viele Betroffene spüren jedoch bis heute das Stigma, Migräne sei keine echte Erkrankung, sondern nur eine gelegentlich sogar willkommene Ausrede, die es erlaubt, unangenehme Aufgaben zu vermeiden. Zumindest diese Last sollte den Betroffenen durch mehr Wissen über die Erkrankung genommen werden.

Autoren: PD Dr. med. Stefanie Förderreuther, Oberärztin der Neurologischen Klinik, Ludwig-Maximilians-Universität München, und Professor Dr. med. Christian Maihöfner, Chefarzt der Klinik für Neurologie, Klinikum Fürth.

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