Schwindel

Auf einen Blick

Häufigkeit – Jeder Mensch hat ein Risiko von 30 bis 40 %, im Laufe seines Lebens an Schwindel zu erkranken. Jährlich erkranken 11 % der Menschen neu an Schwindel. Damit ist Schwindel eines der häufigsten Krankheitssymptome überhaupt.

Hauptsymptome – Häufige Symptome sind ein Drehgefühl, Schwankgefühl oder eine allgemeine Stand- und Gangunsicherheit, oft verbunden mit Übelkeit oder Sehstörungen. Schwindel ist Leitsymptom ganz unterschiedlicher Erkrankungen, im engeren Sinne des Gleichgewichts- (vestibulären) Systems im Innenohr oder im Gehirn.

Diagnostik – Neben der genauen Befragung und Untersuchung durch einen Neurologen und/oder HNO-Arzt erfolgen gezielte klinische und neurophysiologische Funktionsuntersuchungen des Gleichgewichtssystems. Zur weiteren Diagnostik werden oft eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Kopfes und eine Untersuchung der Hirngefäße benötigt.

Behandlung – Sie hängt von der Art der Schwindelerkrankung ab. Ein Lagerungsschwindel wird durch gezielte Lagerungsmanöver geheilt, viele Schwindelpatienten benötigen ein gezieltes Gleichgewichtstraining. Entzündliche Ursachen werden mit Medikamenten behandelt, Durchblutungsstörungen der Gleichgewichtszentren im Kleinhirn oder Hirnstamm werden wie ein Schlaganfall behandelt.

Wichtig zu beachten – Viele Schwindelerkrankungen verbessern sich deutlich unter Behandlung oder können komplett geheilt werden. Wichtig ist, dass zunächst eine korrekte Diagnose mittels einer fachgerechten klinischen Untersuchung gestellt wird.

Schwindel ist Symptom ganz unterschiedlicher Erkrankungen. Unsere im Normalfall stabile Wahrnehmung des uns umgebenden Raumes ist dabei gestört. Der Schwindel kann sich als Bewegungsillusion in Form eines Dreh-, Schwank- oder Lift-Gefühls zeigen, oder es handelt sich um ein Benommenheitsgefühl oder um Gangunsicherheit. Häufige Begleitsymptome sind Übelkeit, Erbrechen, Fallneigung und ein Augenzittern (Nystagmus) mit Doppelbildern. Hörstörungen, Sehstörungen, Kopfschmerzen oder andere neurologische Ausfallsymptome können je nach Ursache hinzutreten. Es gibt Erkrankungen mit chronischem Schwindel über Wochen oder Monate, mit akutem Schwindel, der Tage oder Wochen anhält, oder mit anfallsartigen Schwindelattacken, die entweder spontan auftreten oder ausgelöst werden durch Lagewechsel, Kopfbewegungen, Pressen oder bestimmte Situationen, z. B. Höhenschwindel mit Sturzangst.

Das Syndrom Schwindel entsteht, wenn die an unserer Raumwahrnehmung beteiligten Sinnesinformationen (Sehen, Gleichgewichtssinn, Tiefenempfinden von den Beinen) gestört sind, z. B. Drehschwindel bei Ausfall eines Gleichgewichtsorgans oder Gangunsicherheit bei Polyneuropathie der Beine mit Ausfall der Tiefensensibilität, oder untereinander nicht übereinstimmen, wie z. B. Bewegungskrankheit beim Mitfahren im Auto oder Seekrankheit. Schwindel entsteht auch, wenn die bei jeder Eigenbewegung vorkommende Änderung dieser Sinnesinformationen nicht mehr korrekt vorausberechnet wird, wie beim funktionellen Schwindel, bei dem einfache Bewegungen oder Seheindrücke plötzlich starken Schwindel mit Sturzangst und Panik hervorrufen können. Die häufigsten Schwindelerkrankungen sind neben dem funktionellen Schwindel 1) der gutartige Lagerungsschwindel, bei dem aufgrund einer mechanischen Störung im Gleichgewichtsorgan durch bestimmte Lageänderungen Drehschwindelattacken für 10–20 Sekunden provoziert werden, 2) der Ausfall eines Gleichgewichtsnerven (akute unilaterale Vestibulopathie – AUVP) mit mehrere Tage anhaltendem Dauerdrehschwindel, Fallneigung, Übelkeit und Nystagmus, 3) eine Schädigung (meist Durchblutungsstörung/Infarkt) in den Gleichgewichtszentren im Hirnstamm oder Kleinhirn, 4) die Schwindelmigräne (Schwindelanfälle bei Migränepatienten) oder 5) die Menière-Erkrankung des Innenohrs (mit Anfällen von Schwindel und Hörstörungen über wenige Stunden Dauer). Seltenere Erkrankungen mit Schwindelattacken sind die Episodische Ataxie (Auslöser oft körperliche Belastungen), der Sekundenschwindel bei einer Labyrinthfistel (Auslöser Pressen und Niesen) oder die Vestibularisparoxysmie (spontane „Entladungen“ des Gleichgewichtsnerven).

Diese hängen von der Art der Erkrankung ab. Das Risiko für einen Lagerungsschwindel hängt von der Anatomie des Innenohrs ab, eine Prävention gibt es nicht. Für Durchblutungsstörungen im Hirnstamm oder Kleinhirn gelten die bekannten Risikofaktoren und Präventionsmöglichkeiten für Schlaganfall. Bei der Schwindelmigräne, der Menière-Erkrankung und der Episodischen Ataxie spielt erbliche Veranlagung eine Rolle, es gibt Medikamente zur Prävention.

Die meisten Schwindelerkrankungen haben unter Behandlung eine gute Prognose. Voraussetzung ist eine korrekte Diagnosestellung. Der Lagerungsschwindel sistiert entweder spontan oder nach Durchführung gezielter Befreiungsmanöver. Bei der AUVP kommt es innerhalb von ein bis zwei Wochen zum Sistieren der Beschwerden und in ca. 80 % der Fälle zu einer vollständigen Erholung des ausgefallenen Gleichgewichtsnerven. Bei Schlaganfällen im Hirnstamm hängt die Rückbildungsprognose von der Größe des Infarkts ab. Schwindelmigräne und Menière führen zu immer wieder auftretenden Schwindelanfällen, deren Frequenz und Schwere durch Medikamente positiv beeinflusst werden können.

Die Diagnose der meisten Schwindelerkrankungen kann durch eine gezielte klinisch-neurologische Untersuchung gestellt werden. Die Sicherung der Diagnose erfolgt bei der AUVP durch den Kopfimpuls-Test klinisch oder mittels Video-Okulographie, beim Lagerungsschwindel durch die Beobachtung des ausgelösten typischen Nystagmus, bei Schlaganfällen im Hirnstamm/Kleinhirn durch MRT-Bildgebung inklusive Gefäßdarstellung, bei der Menière-Erkrankung durch die Anamnese und ein Audiogramm (Hörstörung für mittlere/tiefere Töne). Hier sollten wie bei der Schwindelmigräne und beim funktionellen Schwindel durch MRT, Duplexsonographie und Okulographie andere Diagnosen ausgeschlossen werden.

Die Wirksamkeit der Behandlung hängt von der korrekten und exakten Diagnosestellung ab. Der Lagerungsschwindel kann rasch geheilt werden durch Anwendung der spezifischen Lagerungs-Befreiungsmanöver, die in Abhängigkeit vom betroffenen Bogengang das darin schwimmende, Schwindel auslösende Steinchenmaterial aus dem Bogengang herausbefördern. Bei der AUVP wird nur für den ersten Tag ein Mittel gegen Übelkeit (Dimenhydrinat) und für ein bis zwei Wochen ein Kortisonpräparat verordnet. Bei Durchblutungsstörungen im Gleichgewichtszentrum des Hirnstamms oder Kleinhirns sind wie bei anderen Hirninfarkten blutverdünnende Maßnahmen erforderlich, inklusive einer Langzeit-Prophylaxe, meist mit ASS. Begleitend wichtig ist ein systematisches Gleichgewichtstraining, das stufenweise über mehrere Wochen intensiviert wird. Dem Attacken-Schwindel kann durch spezifische medikamentöse Behandlungsmaßnahmen vorgebeugt werden. Beim funktionellen Schwindel ist neben einer genauen Aufklärung über die Erkrankung ein systematisches Gleichgewichts- und Desensibilisierungs-Training (Anpassung an Schwindel auslösende Situationen) erforderlich.

Der gutartige Lagerungsschwindel ist komplett heilbar, die AUVP zu 80 %, die vestibuläre Migräne meist auch, ebenso die Vestibularisparoxysmie oder eine Labyrinthfistel. Schlaganfälle oder Morbus Menière hinterlassen oft Restfolgen, die sich aber durch konsequentes Gleichgewichtstraining minimieren lassen.

Viele Patienten mit Schwindelerkrankungen haben einen hohen Leidensdruck und sind im Alltag deutlich beeinträchtigt, sie vermeiden aus Angst vor Schwindel schnelle Bewegungen oder Sport. Wenn dagegen die genaue Diagnose der Erkrankung gestellt wird und eine spezifische Behandlung erfolgt, lässt sich meist zeitnah eine gute Lebensqualität wiederherstellen. Wichtigste Voraussetzung dafür ist, dass das Vermeidungsverhalten von Bewegungen aufgegeben wird und die Patienten ein systematisches Gleichgewichtstraining durchführen sowie auch Sportarten mit schnellen Bewegungen betreiben, wie z. B. Turnen, Ballspiele oder Tanzen. Das Führen eines Kfz ist beim akuten Schwindel nicht gestattet, die Dauer des Fahrverbots hängt von der jeweiligen Erkrankung ab.

Autor: Prof. Dr. med. Wolfgang Heide, Chefarzt der Klinik für Neurologie, Allgemeines Krankenhaus Celle, Sprecher der Kommission Neuroophthalmologie/Neurootologie der DGN
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