08.02.2022

Fokussierter Ultraschall gegen Parkinson-Tremor

Neben Medikamenten und einem „Hirnschrittmacher“ kann fokussierter Ultraschall das Zittern bei Parkinson, auch Tremor genannt, deutlich verringern. In Deutschland bieten das Verfahren bislang zwei Kliniken an. Wir haben die wichtigsten Fragen und Antworten für Sie zusammengestellt:

Das Grundprinzip von fokussiertem Ultraschall ist nicht kompliziert:


  • Man richtet von außen zahlreiche, hochintensive Ultraschallwellen gezielt auf einen Punkt im Körper.
  • Die Wellen überlagern sich und erhitzen die Stelle so auf bis zu 80 Grad Celsius.
  • Dabei sterben anvisierte krankhafte Zellen ab. Der umliegende Bereich bleibt davon unberührt.

Die behandelte Person liegt in einem Magnet-Resonanz-Tomografen (MRT). Über diesen lässt sich genau kontrollieren, welche Stelle die Schallenergie im Körper erhitzt. Dieses schonende Verfahren heißt "Magnetresonanztomografie-gesteuerte hochfokussierte Ultraschallwellentherapie" (MRgFUS).

Beim Parkinson-Tremor schaltet der gebündelte Ultraschall beschädigte Gehirnzellen aus, die das Zittern verursachen. Dazu wird der Schall in den Subthalamus geleitet. Dieser Teil des Gehirns steuert vor allem die Grobmotorik, die bei Parkinson beeinträchtigt ist. Von ihm leitet sich der Name der Methode bei Parkinson-Tremor ab: Ultraschall-Subthalamotomie.

Ultraschallsender anbringen: Zunächst wird der Kopf der behandelten Person kahl rasiert und die Haut lokal betäubt. Rund um den Kopf verteilt man dann mit einer Art Helm über 1.000 kleine Ultraschallsender. Zwischen diesen und der Schädeloberfläche zirkuliert Wasser zum Kühlen.


Betroffene Stelle finden: Im MRT erstellen die Behandelnden zunächst eine sehr genaue dreidimensionale Karte des betroffenen Bereichs im Subthalamus. Er ist nur etwa zwei Millimeter groß. Dann suchen sie mit dem fokussierten Ultraschall die genaue Stelle. Das ist mit einer Temperatur unter 50 Grad Celsius möglich, ohne Nervenzellen zu zerstören. Sie werden nur kurzzeitig lahmgelegt.


Erfolg testen: Die Erkrankten berichten dabei, ob das Zittern wie gewünscht abnimmt. Dazu machen sie Bewegungen, die normalerweise den Tremor auslösen. Das ist ohne Vollnarkose machbar, weil das Gehirn kein Schmerzempfinden hat.


Mit Hitze behandeln: Ist der richtige Punkt für den Tremor gefunden, kommt der entscheidende Schritt. Bei 57 bis 60 Grad Celsius zerstört man die betroffenen Nervenzellen mit den gebündelten Schallwellen. Das findet in mehreren Intervallen statt. Währenddessen erzeugt das MRT laufend Bilder zur Kontrolle. Das Verfahren dauert meist drei bis vier Stunden.


Zweite Seite folgt später: Die Behandelten können nach zwei bis drei Tagen das Krankenhaus wieder verlassen. Zunächst behandelt man nur den Tremor auf einer Körperseite. Einige Monate später kann die andere Seite folgen. Eine Kontrolle ist meist nach jeweils sechs Monaten sinnvoll. Selten muss man nachbehandeln.

In den meisten Fällen verbessert sich das Zittern unmittelbar nach dem Eingriff. Das Verfahren ist schmerzlos, weil das Gehirn kein Schmerzempfinden hat.

Der fokussierte Ultraschall kann wirkungsvoll Parkinson-Symptome lindern. Das zeigt eine Studie, die Ende 2020 das angesehene „The New England Journal of Medicine“ veröffentlichte. 40 Personen nahmen an der Studie teil. 27 erhielten die Ultraschall-Therapie, die anderen 13 als Kontrolle ein Scheinverfahren. Das Ergebnis: Die Belastung durch die Symptome ließ sich nahezu halbieren.


Zwölf von 23 Personen, die an der Studie teilnahmen, hatten Überbeweglichkeiten. 15 Personen hatten Sprechstörungen und fünf eine Schwäche der behandelten Körperseite. Nach vier Monaten waren diese Folgen jedoch deutlich zurückgebildet. Nur noch vier Erkrankte zeigten Überbeweglichkeit. Über Sprechstörungen klagten noch drei und über eine Schwäche der behandelten Körperseite zwei Personen.

Gegen den Tremor und andere Parkinson-Symptome wirken Medikamente zum Teil sehr gut. Sie können aber erhebliche Nebenwirkungen haben und im Laufe der Jahre weniger wirken.

Seit einigen Jahren kann Betroffenen bei schweren Verläufen ein sogenannter Hirnschrittmacher helfen. In der Fachsprache heißt das Verfahren Tiefe Hirnstimulation: Dabei implantiert man hauchdünne Elektroden in bestimmte Steuerzentren des Gehirns. Diese können Bereiche elektrisch stimulieren, die für die Parkinson-Symptome verantwortlich sind.


Der Hirnschrittmacher wirkt sehr gut. Betroffene gewinnen oft mehrere Jahre, in denen sie unter deutlich geringeren Symptomen leiden. Der Teil des Hirnschrittmachers, von dem die elektrischen Impulse zur Hirnstimulation ausgehen, muss nach 3-5 Jahren gewechselt werden. Er ist in der Brust implantiert.

Welcher Weg ist für Sie richtig?

Wenn Medikamente nicht (mehr) ausreichend gegen den Tremor wirken, können ein Hirnschrittmacher oder fokussierter Ultraschall eine Alternative sein – passend zum Zustand und der Krankengeschichte der Betroffenen.

Fokussierter Ultraschall empfiehlt sich, wenn:


  • Betroffene einen schweren Tremor haben
  • Medikamente nicht genug helfen
  • eine Tiefe Hirnstimulation nicht infrage kommt (etwa weil Erkrankte blutverdünnende Medikamente nehmen)

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) sieht den Nutzen der Ultraschall-Methode in diesem Fall für belegt an. Der G-BA ist das höchste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen. Hier entscheiden Ärzte, Zahnärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen zusammen, was Krankenversicherte von der Kasse bezahlt bekommen.

Beim fokussierten Ultraschall entfällt vieles, was beim Hirnschrittmacher auftritt oder auftreten kann:


  • Es gibt keine Operation und damit verbundene Infektionen oder Blutungen.
  • Unannehmlichkeiten im Alltag durch ein implantiertes System entfallen.
  • Regelmäßige Überprüfungen und der Wechsel eines Implantats sind nicht nötig.
  • Folgeprobleme wie ermüdete Batterien oder Fehlfunktionen treten nicht auf.

Die Stärken des Hirnschrittmachers im Vergleich zum Ultraschall sind:


  • Die Hirnstimulation lässt sich immer anpassen und die Wirkung ist jederzeit veränderbar.
  • Wenn der Schrittmacher nicht wirkt oder unerwünschte Folgen hat, kann man ihn wieder abschalten. Auch die Elektroden lassen sich wieder aus dem Gehirn entfernen.
  • Die eingepflanzten Elektroden zerstört weniger Hirngewebe als der fokussierte Ultraschall.

Tiefe Hirnstimulation ist zudem besonders sinnvoll, wenn Parkinson-Erkrankte neben dem Tremor noch andere starke motorische Symptome haben. Das sind etwa eine verlangsamte Bewegung, gestörtes Gleichgewicht und steife Muskeln.

Noch ist fokussierter Ultraschall bei Parkinson-Tremor eine experimentelle Therapie. In Deutschland behandeln damit derzeit:


(Stand der Information: Februar 2022)

Zurzeit dürfen die Krankenkassen die Kosten noch nicht vollständig übernehmen. Sie erstatten nur einen Basissatz für sogenannte stereotaktische Eingriffe. Wie die Kostenübernahme zukünftig aussehen wird, entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA). Dazu gibt es ein mehrstufiges Verfahren. Im Fall des fokussierten Ultraschalls ist dieses noch nicht abgeschlossen.


Eine Ausnahme gibt es für Versicherte der Barmer Ersatzkasse. Wenn ein Arzt es empfiehlt, können sie sich in der Uni-Klinik für Neurologie in Kiel auf Kosten der Barmer behandeln lassen. Beide Seiten haben dazu einen speziellen Vertrag geschlossen (Vertrag nach § 140a SGB V Besondere Versorgung).


(Stand der Information: Februar 2022)

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Titelbild: UKSH (Titelbild), Roman Didkivskyi via canva.com (Parkinson)

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