28.10.2021

Buchtipps: Leben mit einem Schlaganfall

Ein Schlaganfall kommt plötzlich und unerwartet. Er stellt nicht nur das Leben des Betroffenen auf den Kopf, sondern auch das von Angehörigen und Freunden. Doch es gibt auch Lichtblicke und Wege mit dem Unglück umzugehen – mitunter sogar zurück in das gewohnte Leben. Prof. Dr. Frank Erbguth, Präsident der Deutschen Hirnstiftung, stellt zwei Bücher vor, die das auf sehr lesenswerte Weise zeigen.

Gabriele von Arnim: „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“

Rowohlt Verlag 2021, 240 Seiten, erschienen 23.03.2021, ISBN: 978-3-498-00245-9

Die Literaturkritikerin Gabriele von Arnim erzählt in diesem Buch über die Folgen eines Schlaganfalls, den ihr 67-jähriger Mann Martin Schulze erleidet. Er ereignet sich an dem Tag, an dem sie sich von ihm trennen will. Danach ist die Welt auf den Kopf gestellt. Sie verlässt ihren Mann nicht, sondern pflegt und begleitet ihn über 10 Jahre bis zu seinem Tod.

Obwohl er geistig kaum beeinträchtigt ist, kann der zuvor wortgewaltige Fernsehjournalist Schulze sich nicht mehr bewegen und kaum verständlich machen. Bewegend schildert von Arnim, wie sie zwischen Verzweiflung und Optimismus hin- und hergerissen ist. Plastisch erlebt man die schwer zu findende Balance zwischen Fürsorge und Bevormundung, zwischen der Suche nach Distanz und Kraft stiftenden Freiräumen. Auf der anderen Seite wiegt schwer: die Angst, ihren Mann zu verlieren.

Unterstützt durch Freunde und Pflegekraft

Aber letztlich ist es doch die Liebe zu ihm, mit der sie einen Weg durch die schwer erträglichen Alltagsprobleme finden kann. Von Arnim spricht von einer „Drachensaat der Zumutungen“. Im Buch wird auch klar, wie wichtig es ist, dass sich Gabriele von Arnim Hilfe holt: eine Pflegekraft und unterstützende Freunde sorgen für Unterstützung. Aber es gab auch die Abbrüche von Beziehungen. Freunde, die die Situation nicht ertragen können, tauchen ab.

Dieses eindrucksvoll und reflektiert geschriebene Buch stellt und beantwortet Fragen, die allen begegnen, die von so einem Schicksalsschlag getroffen werden: Wie viel Zuwendung schulden wir geliebten, schwer erkrankten Menschen, ohne uns selbst und unsere innere Freiheit zu verlieren? Wie lassen sich Momente des Glücks im Strudel des Unglücks erhalten?

Joachim Meyerhoff: „Hamster im hinteren Stromgebiet“

Kiepenheuer & Witsch 2020, 320 Seiten, erschienen 10.09.2020, ISBN: 978-3-462-00024-5

Der Roman des Schauspielers und Schriftstellers Joachim Meyerhoff stellt den Schlaganfall in den Mittelpunkt, den der Autor im Alter von 51 Jahren erleidet. Anders als im Buch von Gabriele von Arnim berichtet hier der Betroffene selbst über sein Erschrecken und seine Panik, dass er in einen Pflegefall abgleiten könnte.

Es geht um die ersten 9 Tage im Krankenhaus. Meyerhoff beschreibt den Beginn seines Kampfes zurück ins Leben und sein Ringen, sich selbst und die gelöschten Hirninhalte wiederzufinden. Dabei helfen ihm Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse mit seinem Bruder, seiner Partnerin und seinen Kindern.

Mit Humor zurück ins gewohnte Leben

Auch ist es eine Suche nach Worten, die ihm verlorenzugehen drohen. Das ist für einen Schauspieler existentiell. Er schreibt „Ich musste irgendwie sehr viele Worte finden, um diesem Schlaganfall zu begegnen“. Manchmal übt er seine Artistik mit Worten an kitschigen Schlagertexten, die ihm im Gedächtnis sind. Meyerhoffs Sprachstil seziert das Tragische an seiner Situation und kombiniert seine Perspektive mit jeder Menge schwarzem Humor und Ironie bei der Schilderung schräger und komischer Alltagssituationen im Krankenhaus.

Genau diese Mischung aus Drama, Komik und Spannung macht das Buch äußerst lebenswert. Joachim Meyerhoff hat es nach seinem Schlaganfall geschafft: Er kann wieder als Schauspieler arbeiten – sein Krankheitsbericht ist leicht zu lesen und macht doch nachdenklich.

Titelbild: Rowohlt Verlag GmbH, Verlag Kiepenheuer & Witsch

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