11.05.2021

Immer erschöpft: Welche Behandlung gibt es bei Fatigue?

Energielos und erschöpft – so fühlen sich oft nicht nur Menschen mit Multipler Sklerose. Auch bei vielen anderen neurologischen Krankheiten gibt es diese krankhafte Müdigkeit, Fatigue genannt. Die Deutsche Hirnstiftung beantwortet dazu die wichtigsten Fragen.

Überblick

Der Begriff Fatigue (frz. Müdigkeit) steht für eine unnormale, krankhafte Müdigkeit bzw. Erschöpfbarkeit. Wer daran leidet, kann seinen alltäglichen Aufgaben nur noch eingeschränkt nachkommen.

Wir kennen Fatigue in Verbindung mit vielen neurologischen Erkrankungen: Typisch ist sie zum Beispiel bei Multipler Sklerose. Aber auch andere nicht-neurologische chronische Erkrankungen können mit Fatigue einhergehen. Und schließlich gibt es das immer noch wegen seiner ungeklärten Ursachen und Entstehungsmechanismen kontrovers diskutierte Chronische Müdigkeitssyndrom, auch Chronisches Fatigue-Syndrom (CFS) oder Myalgische Enzephalomyelitis (ME) genannt.

Typisch ist Fatigue bei Multipler Sklerose. Hier sind etwa drei Viertel der Betroffenen mit einer Fatigue belastet. Auch nach Schlaganfällen ist mindestens die Hälfte der Patienten betroffen, nach Schädel-Hirn-Verletzungen bis zu 80 Prozent. Beim Chronischen Fatigue-Syndrom (CFS) geht man davon aus, dass in Deutschland etwa 250.000 Menschen darüber klagen.

Es ist sehr wichtig, sich umfassend zu informieren. Neurologen und auch Hausärzte klären mögliche Ursachen ab, beraten, können Behandlungen initiieren und begleiten den weiteren Weg. Auch Selbsthilfegruppen geben große Unterstützung. So finden Leidtragende auch weitere Hinweise zu Therapieoptionen sowie zum Umgang mit den Beschwerden im Alltag.

Symptome von Fatigue

Fatigue ist definiert als krankhafte – das heißt eine über das normale Maß hinausgehende – Erschöpfung und Erschöpfbarkeit, die sich den üblichen Erholungsstrategien verschließt. Gesunder Lebensstil, angemessene Pausen und erholsamer Schlaf haben also nur einen bedingten Einfluss. Der ausgeprägte Energie- und Antriebsmangel beeinträchtigt dabei kognitive, körperliche und psychosoziale Anforderungen des Alltags.

Die behandelnden Ärztinnen und Ärzte können die Beschwerden zusammenführen und der zugrundeliegenden Erkrankung zuordnen. Für sie ist zudem sehr wichtig, dass neben der grundsätzlich erlebten Erschöpftheit bei ganz normalen Alltagsaufgaben zusätzlich das Unvermögen besteht, eine (motorische oder mentale) Leistung über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten. Nach der Definition des Syndroms müssen die Probleme an den meisten Tagen eines Monats vorhanden sein.

Ursachen und Risikofaktoren

Bei Multipler Sklerose ist Fatigue für etwa die Hälfte der Betroffenen das am meisten belastende Symptom. Sie kann als erstes Symptom, als Schubsymptom auftreten oder aber im Verlauf schleichend hinzukommen. Doch auch nach einem Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, beim Morbus Parkinson, Autoimmunerkrankungen beziehungsweise rheumatologischen Krankheiten, Tumorleiden und chronischen Infektionen kann es zu einer Fatigue kommen. Weiterhin können mit Fatigue Medikamentennebenwirkungen, chronische Schlafstörungen, Schmerzen, Stoffwechselerkrankungen, Anämie oder auch eine Depression einhergehen.


Das Chronische Fatigue-Syndrom (CFS) wiederum tritt häufig nach Virusinfekten auf und setzt dabei meist plötzlich ein. Die oft unspezifischen Beschwerden halten länger als 6 Monate an und betreffen zahlreiche Funktionssysteme von „Körper und Seele“.  Neben der typischen Zustandsverschlechterung nach Belastung bestimmen grippeähnliche Beschwerden, Schmerzen, Schlafstörungen, neurologische und kognitive Manifestationen, Reizintoleranzen, Störungen des vegetativen Nervensystems sowie eine Anfälligkeit für Infekte und Allergien das Bild.

Grundsätzlich sind ein aktiver Alltag mit regelmäßiger Bewegung und sozialen Kontakten, eine gesunde vollwertige Ernährung und unterstützende Schlafhygiene sinnvoll. Man weiß, dass Depressionen, Inaktivität, Schmerzen, Schlafstörungen und manche Medikamente Fatigue begünstigen können. Doch kommt es im Zusammenhang mit den oben erwähnten neurologischen Erkrankungen einerseits zu Gewebeschäden, die somit entweder un- oder mittelbarer Grund sind. Andererseits schiebt ein aktiviertes Immunsystem Kaskaden an, die zu Fatigue führen. Damit sind die persönlichen Einflussnahmen begrenzt.

Für das Auftreten nach einem Schlaganfall werden zum Beispiel Assoziationen mit körperlicher Behinderung, Schlafstörungen, Schmerzen, Depression, Angst und kognitiven Defiziten diskutiert. Auch individuelle Aspekte im Sinne eines leicht aktivierbaren oder überaktiven Immunsystems spielen offenbar eine modulierende Rolle – insbesondere bei sogenannten Autoimmunerkrankungen. Einen genetischen Einfluss legen Ergebnisse zur tumorassoziierten Fatigue nahe. Bis über 30 Prozent der Tumorpatienten zeigen auch nach erfolgreichem Abschluss der Behandlung eine fortbestehende Fatigue. Nicht selten fällt eine Episode körperlicher Anstrengung oder psychischer Belastung mit dem Erkrankungsbeginn eines Chronische Fatigue-Syndrom (CFS) zusammen. Es ist somit sehr wichtig, einen aktiven und achtsamen Lebensstil zu verfolgen.

Verlauf und Diagnose von Fatigue

Einerseits spüren die Betroffenen oft den Tag über eine sie begleitende Müdigkeit. Dazu kommt eine Erschöpfung, die mit den Tagesaufgaben wächst. In der Regel geht es also den Patienten vormittags etwas besser. Außerdem berichten sie eine schwankende Tagesform und unvorhersehbar einsetzende Mattigkeit. Hin und wieder wird die Bezeichnung „als ob der Stecker gezogen wird“ genutzt.

Wichtig ist es, den Alltag gut zu planen und zu strukturieren. Die Betroffenen müssen mit ihren Ressourcen effektiv, manchmal auch sparsam umgehen. Die Aufgaben sollen gut eingeteilt und verteilt sein. Eine wesentliche Grundregel ist es, regelmäßig, auch vorbeugend, Pausen zu machen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass es durch (Über)Anstrengung zur zeitweiligen Symptomverschlechterung bis zur Verschlimmerung der Kraftlosigkeit am nächsten Tag oder gar über einige Tage kommt.

Die Diagnosestellung stützt sich grundsätzlich auf die Angaben der Betroffenen durch Befragungen und spezielle Fragebögen. Es ist zudem ganz wichtig, abzuklären, ob körperliche oder seelische Erkrankungen oder Zustände vorliegen, die auch für die Beschwerden verantwortlich sein könnten. Für das Chronische Fatigue-Syndrom (CFS) gibt es einen speziellen Fragebogen, der die verschiedenen Körpersysteme und Beschwerden abfragt. Die Diagnose ist letztendlich auch eine sogenannte Ausschlussdiagnose, bei der andere Verursachungen ausgeschlossen werden.

In spezialisierten Einrichtungen werden ergänzend computergestützte Aufmerksamkeits- und Konzentrationstests genutzt, um die Beschwerden besser zu erfassen. Hinsichtlich der körperlichen Erschöpfbarkeit können Belastbarkeitsuntersuchungen und Ganganalysen nützlich sein. Zur Einschätzung der Aktivität, Mobilität und des Pausenverhaltens im gesamten Tagesverlauf ist eine Art Bewegungstracker sinnvoll.

Therapie und Behandlung

Ziel ist es immer, die Lebensqualität des Patienten zu verbessern. Zuerst ist es ganz wichtig, die Patienten mit dem Erkrankungsbild vertraut zu machen und sie „ernst zu nehmen“. Wir nennen das „Psychoedukation“, also die Aufklärung der Betroffenen über Symptome und Therapieoptionen. Die Behandlung ist symptomorientiert. Medikamentös stehen keine wirklich etablierten Möglichkeiten zur Verfügung. Medikamentös behandelt werden sollten gegebenenfalls begleitende Beschwerden, wie Schmerzen, Schlafstörungen oder depressive Verstimmungen.


Nicht-medikamentöse Behandlung

Es stehen vor allem nicht-medikamentöse Strategien zur Verfügung: Zunächst geht es um die Optimierung des Tagesablaufs, mit Priorisierung der Aufgaben, einer klaren Tagesstrukturierung, auch Ökonomisierung („Zeitdruck raus!“) und die Planung ausreichender Ruhepausen. Hilfreich ist es auch, Sport zu treiben, wie Erkenntnisse zur Behandlung von Fatigue bei Multipler Sklerose zeigen.


Verhaltensänderungen

Hinzu kommen psychotherapeutische Ansätze mit dem Ziel, die Erwartungen an sich selbst und die Bewertung von erbrachter Leistung an das neue Leistungsniveau anzupassen und auch zu korrigieren. Dazu werden kognitives Training, körperliches Ausdauertraining und Muskelkräftigung ergänzt. Für die Patienten ist es wichtig, eine Balance zwischen aktivierenden und entspannenden Elementen zu finden. Deshalb können Yoga, Qi Gong oder Ähnliches sehr wichtige Ergänzungen des Behandlungskonzepts sein.


Belastungsniveau einhalten

Insbesondere für das Chronische Fatigue-Syndrom (CFS) gilt, die Einhaltung des individuellen Belastungsniveaus anzustreben, um einer Überlastung mit anschließender Beschwerdezunahme vorzubeugen. Dafür gibt es den Begriff des „Pacing“ (auf Deutsch: „Tempo“).

In Abhängigkeit von der Schwere und den Auswirkungen im Alltag kann der ambulante oder der stationär-rehabilitative Weg gewählt werden. Ambulant tätige Neurologen können die Betroffenen im Zusammenwirken mit Neuropsychologen und neurologisch versierten Psychotherapeuten unter Einbezug von qualifizierten Physiotherapeuten behandeln. Daneben sind neurologische und gegebenenfalls psychosomatisch ausgerichtete Rehabilitationseinrichtungen geeignet.

Die Betroffenen selbst können mit gesunder Ernährung (proteinreich, ausreichend ungesättigte Fettsäuren), Einhalten einer optimalen Schlafhygiene und Stressreduktion ihre Behandlung ergänzen. Viele Patienten mit Chronischem Fatigue-Syndrom CFS nehmen Nahrungsergänzungsmittel ein, um den Energiestoffwechsel zu verbessern (Ribose, Carnitin, CoenzymQ10, NADH). Dafür existieren jedoch keine sicheren Wirknachweise. Es sollten ausreichende Blutspiegel von Vitaminen und Spurenelementen wie Magnesium, Eisen, Folsäure, Vitamin B12 und D bestehen.

Aussicht auf Heilung von Fatigue

Im Rahmen chronischer Erkrankungen wie Multipler Sklerose oder Morbus Parkinson kann zwar nicht mit einer Heilung dieses Phänomens, aber mit einer Beschwerdelinderung gerechnet werden. Nach Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma können sich die Symptome gerade im ersten Jahr bessern, aber auch über viele Jahre bestehen bleiben.


Beim Chronischem Fatigue-Syndrom (CFS) ist ein spontanes Verschwinden der Beschwerden, insbesondere ohne Behandlung selten. Eine Symptombesserung kann bis zu einem Drittel der Patienten erreicht werden. Patienten mit anhaltender Symptomfokussierung oder zusätzlichen psychiatrischen Erkrankungen haben eine eher schlechte Prognose.

Wir kennen wichtige Zusammenhänge, doch die genauen Ursachen von Fatigue können bislang nicht klar benannt werden. Zurzeit werden verschiedene Konzepte zu einem plausiblen komplexen Erklärungsmodell zusammengefügt. Andere Schwerpunkte sind die Beurteilung von möglichen Therapieoptionen und Einflussfaktoren.

Zu neurologischen Fachleuten kommen die Betroffenen mit ihren Anliegen in der Regel zuerst. Neben dem Verstehen des Syndroms sind sie deshalb vor allem auf die korrekte Diagnosestellung und die erfolgreiche Therapie fokussiert.

Umgang im Alltag

Behandlungsergebnis sollte sein, dass Betroffene weniger Fatigue empfinden und geeignete kompensatorische Strategien entwickeln und nutzen können. Sie sollen mit einer geringeren Leistungsfähigkeit im Alltag „funktionieren“ und dabei zufrieden sein. Fatigue und die einhergehenden Leistungseinbrüche werden oft missverständlich als Warnsymptom (anders beim Chronischem Fatigue-Syndrom CFS!) verstanden, was ein unnötiges Schon- und Vermeidungsverhalten auslöst. Es ist deshalb unerlässlich, den Patienten wieder die Möglichkeit zu Kontrolle und Management ihres Alltags zu vermitteln, damit sie aus einer negativen Spirale herausfinden.


Wenn die genannten Therapiestrategien konsequent zum Einsatz kommen, können sich Akzeptanz und Anpassung an die veränderten Lebensumstände entwickeln. In diesem Rahmen müssen auch die Kontextfaktoren gestaltet werden, also Anforderungen und Erwartungen im familiären wie beruflichen Umfeld. So kann sich der Betroffene emotional, kognitiv und körperlich stabilisieren.

Beratung können unter anderem Selbsthilfegruppen bieten, auch zum Chronischem Fatigue-Syndrom (CFS). Genannt sei hier zum Beispiel der Verein Fatigatio e.V.

Haben Sie weitere Fragen zu Fatigue? Wir beraten Patienten und Angehörige neutral und kostenfrei im Online-Chat und am Expertentelefon. Das nächste Mal am 31. Mai, u.a. auch zum Thema Multiple Sklerose (Anmeldung: Tel. 030 / 531 437 936, info@hirnstiftung.org). Mehr zu unseren Beratungsangeboten.

Die obigen Fragen beantwortete Frau Dr. Sabine Herzig, Fachärztin für Neurologie in der Tagesklinik für kognitive Neurologie am Universitätsklinikum Leipzig und dort in der Ambulanz für Fatigue tätig. Die Tagesklinik behandelt Patienten, die aufgrund einer erworbenen Hirnschädigung zum Beispiel Störungen der Sprache, Schwierigkeiten bei der Raumwahrnehmung, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsdefizite oder Gedächtnisstörungen haben. Um diese oft von den Betroffenen schwer beschreibbaren Störungen genau zu erfassen und dann auch entsprechend zu therapieren, arbeiten die Tagesklinik als multidisziplinäres Team. Zudem ist sie eng mit der Abteilung Neurologie am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig verknüpft.

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