15.10.2020

Sport verbessert das Fatigue-Syndrom bei Patientinnen und Patienten mit MS

Eine Multiple Sklerose geht oft mit einem Fatigue-Syndrom einher, einem chronischen Erschöpfungszustand, der durch bleierne Müdigkeit gekennzeichnet ist. Das Letzte, was man sich da als Betroffener vorstellen kann, ist, Sport zu treiben – man schafft es ja kaum vor die eigene Haustür! Wie soll man da noch Energie für Sport aufbringen? Aber auch wenn es sich absurd anhört: Sport raubt keine Energie, sondern gibt Energie. Bewegung hilft gegen die Fatigue bei MS, und zwar besser als viele Medikamente!

Laut der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) leben in Deutschland etwa 220.000–250.000 Menschen mit Multipler Sklerose (MS). Die Erkrankung tritt meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr auf, sie ist bei jüngeren Erwachsenen die häufigste chronische Erkrankung des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark).

Die Multiple Sklerose ist eine meist schubförmig verlaufende Autoimmunerkrankung, bei der das körpereigene Immunsystem Gehirn und Rückenmark angreift. Die chronische Entzündung stört die normale Weiterleitung von Nervensignalen, was zu verschiedenen Symptomen führt und langfristig auch bleibende Schäden bzw. Behinderungen verursachen kann. Die Symptome können unterschiedlich sein, oft finden sich Missempfindungen (Sensibilitätsstörungen), Sehstörungen (z. B. Schleiersehen), Störungen der Fein- und Grobmotorik mit Beinschwäche und Gangunsicherheit. Begleitende Depressionen, Fatigue und kognitive Einschränkungen können das soziale Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigen.

Gerade die Fatigue, ein chronisches Erschöpfungssyndrom, wird für viele Patientinnen und Patienten zum Problem. Oft tritt diese „bleierne Müdigkeit“ schon früh im Krankheitsverlauf auf, insgesamt leiden vier von fünf MS-Patienten darunter. Noch ist nicht abschließend geklärt, ob die Fatigue eine direkte Folge der MS ist oder möglicherweise auch durch die eingesetzten Medikamente hervorgerufen wird – oder ob sie letztlich aus einem Zusammenspiel von beiden entsteht. Wie stark das Syndrom die Lebensqualität beeinträchtigt, zeigt sich allein daran, dass im Krankheitsverlauf ca. 30 % der Patienten vorzeitig berentet werden, eine Zahl, die allein durch körperliche Behinderungen wahrscheinlich nicht zu erklären ist.

Das Fatigue-Syndrom tritt auch bei Menschen mit anderen Erkrankungen auf, z. B. häufig nach einer Krebstherapie, und es konnte gezeigt werden, dass Sport und Bewegung maßgeblich zur Verbesserung der Fatigue beitragen. Das scheint auch bei MS der Fall zu sein. Eine Schweizer Studie [1] konnte bereits 2002 zeigen, dass regelmäßiges Fitnesstraining schon nach vier Wochen die aerobe Schwelle – ein wichtiger Parameter der körperlichen Leistungsfähigkeit – der MS-Patienten anhob, sie sich besser fühlten und aktiver waren. Die DMSG empfiehlt Betroffenen daher Ausdauersportarten wie Nordic Walking oder Training auf dem Fahrradergometer. Selbst Patientinnen und Patienten mit weiter fortgeschrittener Erkrankung profitieren von einem leichten Ausdauer- oder Krafttraining – eine Metaanalyse aus dem Jahr 2017 [2] zeigte auch für diese Patientengruppe positive Effekte im Hinblick auf Fatigue-Reduktion, Erhöhung der Mobilität und Lebensqualität.

Bevor Sie loslegen, ist es wichtig, mit Ihrem behandelnden Neurologen die individuelle Sporteignung festzulegen. Es ist wichtig, das Training moderat anzugehen und sich nicht zu sehr auszupowern. An MS erkrankte Menschen sollten geduldig sein und sich keinesfalls überfordern. Gehen Sie das Training langsam und in kleinen Einheiten an und steigern Sie es nur vorsichtig.

Für Patientinnen und Patienten in fortgeschrittenen MS-Stadien gibt es spezielle Sportangebote (MS-Sportgruppen oder neurologischen Reha-Sport), bei denen Sport- oder Bewegungstherapeuten das Training anleiten und gemäß dem individuellen Fitnesszustand des Patienten und dem Grad der Behinderung gestalten. Wer im Internet nicht in seiner Nähe fündig wird, sollte seinen behandelnden Neurologen danach fragen! Gerne hilft auch die Deutsche Hirnstiftung.

Weitere Informationen zum Thema Sport für MS-Patientinnen/Patienten bietet die DMSG: https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-infos/ms-und-sport/einfuehrung/einleitung/

Literatur

[1] S Mostert, J Kesselring. Effects of a short-term exercise training program on aerobic fitness, fatigue, health perception and activity level of subjects with multiple sclerosis. Mult Scler. 2002 Apr; 8(2): 161-8. doi: 10.1191/1352458502ms779oa.

[2] Thomas Edwards, Lara A Pilutti. The effect of exercise training in adults with multiple sclerosis with severe mobility disability: A systematic review and future research directions. Mult Scler Relat Disord. 2017 Aug; 16:31-39. doi: 10.1016/j.msard.2017.06.003. Epub 2017 Jun 12.

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