Polyneuropathie

Auf einen Blick

Häufigkeit – 1–12 % (bis zu 30 % bei über 60-Jährigen)

Hauptsymptome – Sensible Reiz- und Ausfallerscheinungen (Kribbeln, Ameisenlaufen, Taubheitsgefühl), Gangunsicherheit, motorische Reiz- und Ausfallerscheinungen (Muskelkrämpfe, Muskelschwäche)

Diagnostik – Anamnese/Krankengeschichte, klinisch-neurologische Untersuchung, elektrophysiologische Untersuchung, Labor und ggf. Organdiagnostik

Behandlung – Je nach Ursache

Wichtig zu beachten – Fußpflege, bequemes Schuhwerk, Vermeidung von Druckstellen

Polyneuropathien sind Erkrankungen des „peripheren Nervensystems“, zu dem alle außerhalb des Zentralnervensystems liegenden Anteile der motorischen, sensiblen und autonomen Nerven mit den sie versorgenden Blut- und Lymphgefäßen gehören. Typische Symptome einer Polyneuropathie sind sensible Reizerscheinungen wie Kribbeln, Ameisenlaufen, Stechen, Elektrisieren und sensible Ausfallerscheinungen wie Pelzigkeitsgefühl, Taubheitsgefühl, Gefühl des Eingeschnürtseins, Schwellungsgefühle sowie das Gefühl, wie auf Watte zu gehen. Oft bestehen eine Gangunsicherheit, insbesondere im Dunkeln, und ein fehlendes Temperaturempfinden mit schmerzlosen Wunden. Gleichzeitig oder meist später kommen motorische Reizerscheinungen wie Muskelzuckungen und Muskelkrämpfe sowie Ausfallerscheinungen wie Muskelschwäche und Muskelschwund hinzu.

Die meisten Polyneuropathien sind keine eigenständige Erkrankung, sondern das Erkennbarwerden einer anderen zugrunde liegenden Erkrankung. Daher sind auch die Ursachen vielgestaltig und es gibt unterschiedliche Schweregrade. Folgende Grunderkrankungen sind häufig mit einer Polyneuropathie assoziiert: Diabetes mellitus, Alkoholmissbrauch, Entzündungen (Borreliose, Lepra), Leber-, Nieren- und Lungenerkrankungen, hämatologische und rheumatologische Erkrankungen, Tumorerkrankungen, bestimmte Medikamente, Langzeitbehandlung auf einer Intensivstation, Organtransplantationen. Die häufigste Ursache für eine Polyneuropathie sind der Diabetes mellitus oder ein übermäßiger Alkoholkonsum. Die entzündlichen, meist immunvermittelten Polyneuropathien sind mit ca. 20 % seltener. Eine wahrscheinlich weiterhin unterdiagnostizierte Gruppe sind die erblichen Neuropathien. Eine Vielzahl von Medikamenten und weiteren Substanzen kann eine „exotoxische“ Polyneuropathie verursachen. Dazu gehören u.a. verschiedene Chemotherapeutika, Antibiotika, Immun-Checkpoint-Inhibitoren. Nach klinischer Abklärung bleiben etwa 25 % der Polyneuropathie zunächst von der Ursache her unklar und werden der Gruppe der idiopathischen Polyneuropathien zugeordnet.

Für alle Polyneuropathien gilt: regelmäßige Kontrolle der Füße auf Druckstellen, Tragen von bequemem Schuhwerk, Meidung von Druck, Nutzung professioneller Fußpflege, Verbesserung des Lebensstils mit regelmäßiger körperlicher Betätigung (150 min Ausdauersport/Woche z. B. Walking, Radfahren, Schwimmen), Gewichtsreduktion bei Übergewicht, Vermeidung alkoholischer Getränke, Optimierung der Blutzuckereinstellung, Absetzen neurotoxischer Medikamente.

Der Verlauf ist je nach Ursache der Polyneuropathie unterschiedlich. Es gibt akute Verläufe, bei denen sich die klinische Symptomatik auch wieder rasch bessert. Chronische Verläufe (meist bei erblichen Neuropathien) verschlechtern sich häufig schleichend über Jahre oder bleiben über längere Zeit stabil.

Die klinische Diagnose einer Polyneuropathie wird anhand von Anamnese und dem klinisch-neurologischen Befund gestellt. In der Krankengeschichte wird nach typischen Symptomen, dem Erkrankungsverlauf, nach Vorerkrankungen und Begleiterkrankungen sowie nach der Familienanamnese gefragt. In einer neurologischen Untersuchung werden Muskelkraft, Sensibilität und Muskeleigenreflexe geprüft. Am häufigsten beginnen die Symptome und Ausfälle an den unteren Extremitäten, meist an den Füßen oder Fußspitzen. In einer klinischen Untersuchung stellt man häufig abgeschwächte oder ausgefallene Muskelreflexe (insbesondere Achillessehnenreflex) und schlaffe Lähmungen fest. An den Extremitäten können sich Sensibilitätsstörungen socken-, strumpf- oder handschuhförmig ausbreiten. Zu den weiteren Symptomen gehört einerseits eine gesteigerte Schmerzempfindlichkeit, z. B. auf Berührung, Wärme oder Kälte. Je nach Schädigung der Nerven kann aber auch das Berührungs- und Schmerzempfinden abgeschwächt sein. Bei der neurophysiologischen Untersuchung mit Elektroneurographie (ENG) werden mit Stromimpulsen periphere Nerven stimuliert und Antworten von Muskeln oder sensiblen Fasern abgeleitet. Damit lässt sich die Art der Nervenschädigung feststellen. Die Elektromyographie (EMG) untersucht Muskeln mit Nadeln und stellt so das Ausmaß der Schädigung fest. Eine genetische Untersuchung ist indiziert bei positiver Familienanamnese für Polyneuropathie oder bei klinischen Zeichen einer hereditären Polyneuropathie (Hohlfuß, Krallenzehen, langer Verlauf).

Entscheidend ist stets die Behandlung der Grunderkrankung, z. B. bei Diabetes mellitus eine Verbesserung der Blutzuckereinstellung, das strikte Vermeiden von Alkohol oder die Behandlung einer Tumorerkrankung. Bei autoimmunvermittelten, entzündlichen Polyneuropathien gibt es verschiedene gegen die Entzündung wirkende Medikamente (Immunglobuline, Kortikoide, Immunsuppressiva). Bei schweren Verläufen kann auch eine Blutwäsche durchgeführt werden. Bei erblichen Neuropathien gibt es bisher keine Therapie. Bei ca. einem Viertel der Polyneuropathien kann die Ursache nicht geklärt werden, meist haben diese Formen jedoch eine gute Prognose. Reizerscheinungen und Muskelkrämpfe lassen sich mit verschiedenen Medikamenten dämpfen. Symptome wie Muskelschwäche können durch regelmäßige Krankengymnastik und ein Gangtraining gelindert werden.

In Abhängigkeit von der Ursache besteht nur begrenzt die Aussicht auf Heilung. Zum Beispiel sind die weniger häufig vorkommenden entzündlichen Neuropathien mit Medikamenten meist sehr gut zu behandeln, akute Formen heilen oft komplett aus. Die meisten Polyneuropathien sind jedoch nicht heilbar, das Ziel sollte die Verhinderung einer weiteren Verschlechterung sein.

Je nach Schwere der Ausfälle bestehen Einschränkungen beim Ausüben verschiedener beruflicher Tätigkeiten. Es sollten Tätigkeiten auf Leitern und Gerüsten gemieden werden, Vorsichtsmaßnahmen beim Laufen auf unebenem Untergrund (Baustellen) oder im Dunkeln müssen beachtet werden. Feinmotorische Tätigkeiten (z. B. Uhrmacher) sind oft nicht mehr möglich. Dennoch sollten Patienten mit einer Polyneuropathie so lange wie möglich am Berufsleben teilhaben. Zur Verbesserung der Alltagsaktivitäten wird in Abhängigkeit vom Schweregrad die Versorgung mit Hilfsmitteln empfohlen (z. B. Gehstock, Gehrollator, Rollstuhl, Orthesen, orthopädische Schuhe).

PD Dr. Petra Baum, Klinik und Poliklinik für Neurologie, Universitätsklinikum Leipzig
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Häufigkeit – Betroffen sind bis zu 50% der Diabetiker und Diabetikerinnen.

Hauptsymptome – Vorwiegend treten sensible Reiz- und Ausfallerscheinungen (Kribbeln, Ameisenlaufen, Taubheitsgefühl), Gangunsicherheit und motorische Reiz- und Ausfallerscheinungen (Muskelkrämpfe, Muskelschwäche) auf.

Diagnostik – Die klinische Diagnose einer diabetischen Polyneuropathie wird anhand der Anamnese (Krankengeschichte) und des klinisch-neurologischen Befunds, teils auch über eine elektrophysiologische Untersuchung gestellt.

Behandlung – Die Behandlung beinhaltet eine Optimierung der Blutzuckereinstellung, sowie eine Gewichtsabnahme infolge regelmäßiger körperliche Aktivität oder eines geänderten Lebensstils.

Wichtig zu beachten – Ergänzend ist ein bequemes Schuhwerk, die Vermeidung von Druckstellen und die auch Fußpflege hilfreich, um die Beschwerden zu lindern.

Polyneuropathien gelten als Erkrankungen des „peripheren Nervensystems“, zu dem alle außerhalb des Zentralnervensystems liegenden Anteile der motorischen, sensiblen und autonomen Nerven mit den sie versorgenden Blut- und Lymphgefäßen gehören. Am häufigsten ist die distal symmetrische sensible Polyneuropathie beim Diabetes mellitus. Typische Symptome sind sensible Reizerscheinungen wie Kribbeln, Ameisenlaufen, Stechen, Elektrisieren und sensible Ausfallerscheinungen wie Pelzigkeitsgefühl, Taubheitsgefühl, Gefühl des Eingeschnürtseins, Schwellungsgefühle an den Füßen sowie ein Gefühl, wie auf Watte zu gehen. Des Weiteren finden sich oft eine Gangunsicherheit, insbesondere beim Laufen im Dunkeln, und ein fehlendes Temperaturempfinden mit schmerzlosen Wunden. Gleichzeitig oder meist später kommen motorische Reizerscheinungen wie Muskelzuckungen und Muskelkrämpfe sowie Ausfallerscheinungen wie Muskelschwäche und Muskelschwund hinzu.

Eine autonome Neuropathie kommt häufig neben der distal symmetrischen Polyneuropathie vor, kann aber auch isoliert auftreten. Typisch sind Kreislaufprobleme mit Neigung zu Ohnmachten oder gastrointestinale Beschwerden mit Wechsel zwischen Verstopfung und Durchfällen oder auch Blasenstörungen und Impotenz. Die autonome Neuropathie kann auch zu ausgeprägten trophischen Störungen (trockene, schilfrige Haut, Abnahme der Behaarung und Veränderung der Durchblutung an den Füßen) führen bis hin zum diabetischen Fuß.

Die „Therapieinduzierte Neuropathie“ wurde beobachtet unter zu rascher Blutzuckersenkung, sowohl mit oralen Antidiabetika als auch unter Insulintherapie, und betrifft überwiegend die dünnen Nervenfasern. Die Symptome entwickeln sich subakut mit brennenden und einschießenden Schmerzen sowie verminderter Temperaturwahrnehmung. Auch eine kurzzeitige Bewusstlosigkeit bei raschem Aufstehen ist möglich.

Neben einer Überladung der Zellen mit Glukose (Hyperglykämie) triggern sowohl ein Insulindefizit (beim Typ-1-Diabetes) als auch eine Insulinresistenz (beim Typ-2-Diabetes) verschiedene Stoffwechsel- und Signalwege, die zu einer Entzündungsreaktion und zu oxidativem Stress und schließlich zu einer Nervenschädigung an den Entästen der peripheren Nerven führen.

Für die diabetische Polyneuropathie gilt: regelmäßige Kontrolle der Füße auf Druckstellen, Tragen von bequemem Schuhwerk, Meidung von Druck, Nutzung professioneller Fußpflege, Verbesserung des Lebensstils mit regelmäßiger körperlicher Betätigung (150 min Ausdauersport/Woche, z. B. Walking, Radfahren, Schwimmen), Gewichtsreduktion bei Übergewicht, Optimierung der Blutzuckereinstellung.

Es handelt sich meist um chronische Verläufe, bei denen sich die Symptome schleichend über Jahre verschlechtern. Bei Änderung des Lebensstils und Verbesserung der Blutzuckereinstellung können die Symptome auch über längere Zeit stabil bleiben oder sich verbessern. Eine seltene Form der diabetischen Neuropathie kann auch erst unter der Diabetesbehandlung auftreten oder sich verschlimmern, ist jedoch meist reversibel.

Die klinische Diagnose einer diabetischen Polyneuropathie wird anhand der Anamnese und des klinisch-neurologischen Befunds gestellt. In der Krankengeschichte wird nach typischen Symptomen gefragt. In einer neurologischen Untersuchung werden Muskelkraft, Sensibilität und Muskeleigenreflexe geprüft. Am häufigsten beginnen die Symptome und Ausfälle an den unteren Extremitäten, meist an den Füßen oder Fußspitzen. In einer klinischen Untersuchung stellt man häufig abgeschwächte oder ausgefallene Muskelreflexe (insbesondere der Achillessehnenreflex) fest. An den Extremitäten breiten sich die Sensibilitätsstörungen socken-, strumpf- oder handschuhförmig aus. Es kann zu einer gesteigerten Schmerzempfindlichkeit, z. B. auf Berührung, Wärme oder Kälte, kommen. Je nach Schädigung der Nerven kann aber auch das Berührungs- und Schmerzempfinden abgeschwächt sein. Bei der neurophysiologischen Elektroneurographie (ENG) werden mit Stromimpulsen periphere Nerven stimuliert und Antworten von Muskeln oder sensiblen Fasern abgeleitet. Mit der Elektromyographie (EMG) lässt sich das Ausmaß der Nervenschädigung nachweisen.

Behandelt wird die Grunderkrankung, in dem Fall der Diabetes mellitus, mit einer Verbesserung der Blutzuckereinstellung. Dazu gehört insbesondere beim Typ-2-Diabetes auch eine Änderung des Lebensstils mit regelmäßiger körperlicher Betätigung, Ausdauersport und Gewichtsabnahme. Reizerscheinungen und Muskelkrämpfe lassen sich mit verschiedenen Medikamenten dämpfen. Eine Muskelschwäche kann durch regelmäßige Krankengymnastik und ein Gangtraining gebessert werden.

Die diabetische Polyneuropathie kann sich verbessern, das Hauptziel ist das Verhindern einer Verschlechterung.

Je nach Schwere der Ausfälle bestehen Einschränkungen beim Ausüben verschiedener beruflicher Tätigkeiten. Es sollten Tätigkeiten auf Leitern und Gerüsten gemieden werden, Vorsichtsmaßnahmen beim Laufen auf unebenem Untergrund (Baustellen) müssen beachtet werden. Feinmotorische Tätigkeiten (z. B. Uhrmacher) sind nicht mehr möglich. Dennoch sollten Patienten mit einer diabetischen Polyneuropathie so lange wie möglich am Berufsleben teilhaben. Zur Verbesserung der Alltagsaktivitäten wird in Abhängigkeit vom Schweregrad die Versorgung mit Hilfsmitteln empfohlen (z. B. Gehstock, Gehrollator, Rollstuhl, Orthesen, orthopädische Schuhe).

Autorin: PD Dr. Petra Baum, Klinik und Poliklinik für Neurologie, Universitätsklinikum Leipzig

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