11.04.2022

Video: Parkinson-Experte spricht über aktuelle Erkenntnisse

 

In den letzten Jahren hat man viel über Parkinson gelernt, neue Medikamente und Methoden entwickelt. Darüber und was Betroffene selbst tun können, spricht Experte Prof. Dr. Lars Timmermann* mit Prof. Dr. Christian Gerloff, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN).


Eine Kooperation von DGN und Deutscher Hirnstiftung


Prof. Dr. Christian Gerloff: Inwieweit hat sich in den vergangenen Jahren das Verständnis der Parkinson-Erkrankung verändert?

Prof. Dr. Lars Timmermann: Wir haben in den letzten Jahren viel über Parkinson gelernt, zum einen, dass es ganz viele unterschiedliche Parkinson-Formen gibt. Dass jeder Patient also quasi fast seinen eigenen Parkinson hat. Dass aber auch mit der Diagnose Parkinson die Krankheit nicht beginnt, sondern oft fünf bis zehn Jahre vorher wahrscheinlich schon läuft.

Das heißt ja, dass Frühdiagnostik bei Parkinson eigentlich extrem wichtig wäre. Gibt es da was Neues, Innovatives?

Absolut. Wir sammeln gerade Symptome, die bei vielen Menschen auftreten, die später einen Parkinson bekommen. Symptome, die also Risikomarker sind. Eines ist das Ausagieren der Träume in der Nacht. Da wird plötzlich geschlagen oder gelaufen, obwohl man ja eigentlich im Bett liegt und träumt. Ein anderes ist die Riechstörung als ganz wichtige Störung. Aber auch so Dinge wie zum Beispiel Obstipation, Verstopfung oder fehlende Melodie in der Stimme. Das ist etwas, was wir wissen und zeigen konnten und das oft schon viele Jahre vorher abnimmt, bevor man Parkinson kriegt.

Gibt’s denn was Neues in der Parkinson-Therapie?

Wir haben in den letzten Jahren einige, wenn auch nicht so viele neue Medikamente bekommen, um den Parkinson in unterschiedlichen Stadien zu behandeln. Es gibt jetzt aber auch sehr intelligente Pumpensysteme, mit denen man die Medikamente quasi den ganzen Tag über gleichmäßig geben kann oder sogar an den Tagesverlauf anpassen kann. Und das Feld, wo relativ viel passiert im Moment, ist der sogenannte Hirnschrittmacher, wo Elektroden im Gehirn den krankhaften Rhythmus des Parkinsons versuchen, wieder in einen normalen Takt zu bringen.

Gibt es viele Patienten mit Hirnschrittmachern?

Wir gehen davon aus, dass wir in Deutschland etwa 800 bis 1000 neue Patienten jedes Jahr haben. Also bestimmt insgesamt 10.000 bis 20.000. Und weltweit sind es weit über 100.000 Patienten.

Und tut sich technologisch viel, spielt da künstliche Intelligenz eine Rolle? Wie kann man sich das vorstellen?

Die sogenannte Digitalisierung hält auch vor den Hirnschrittmachern nicht stand. Es ist tatsächlich so, dass wir neue Systeme haben, die es erlauben, sehr genau zu stimulieren, wo man den besten Effekt hat und Nebenwirkungen zu vermeiden. Auf der anderen Seite glauben wir, dass wir in den nächsten Jahren, gerade mit künstlicher Intelligenz, das Muster der individuellen krankhaften Aktivität, also das Muster des eigenen Parkinsons, besser erkennen. Um dann die Schrittmacher-Aktivität genau darauf anzupassen, quasi wie ein Schalter, der dann den Hirnschrittmacher in seiner Intensität nun verändert.

Was können denn Patientinnen und Patienten selber tun, um den Krankheitsverlauf bei Parkinson irgendwie abzumildern?

Ganz viel. Neben den Tabletten, die wir verschreiben, den Punkten, die wir vielleicht anlegen und dem Hirnschrittmacher, den wir programmieren, ist eigene Bewegung ganz wichtig. Wir wissen, dass wenn Patienten sich etwa 30 Minuten am Tag bewegen, dass das nicht nur unglaublich viel Lebensfreude und gute Beweglichkeit bringt. Es lässt sogar die Verbindungen im Gehirn wieder wesentlich besser werden. Fast so, als wenn man dem Parkinson ein Schnippchen schlägt. Und dazu glauben wir, dass Physiotherapie, die Beweglichkeit insgesamt unter Anleitung eines Profis verbessern kann. Dass Sprache und Sprechtechniken von den Logopäden unseren Patienten helfen. Und dass auch so was wie Fingerfeinmotorik deutlich verbessert werden kann durch Ergotherapeuten.

Die entscheidende Frage, die ganz viele Patientinnen und Patienten umtreibt, ist natürlich, kann irgendwann Parkinson wirklich auch geheilt werden. Haben Sie da Hoffnung?

Heilen ist in der Medizin immer ein großes Ding. Ich glaube, dass wir gute Hoffnung haben, in den nächsten fünf Jahren tatsächlich die Krankheit im Verlauf zumindestens abzubremsen. Die ersten Medikamente haben eine gute Chance, dass wir sie auch tatsächlich in den Markt bekommen. Weil sie sicher genug sind und einen wirklich echten Effekt haben. Und ich denke, in den nächsten 10 bis 20 Jahren gelingt es uns vielleicht, die Krankheit bei zumindestens dem einen oder anderen so abzubremsen, dass wir dem Parkinson einen gewissen Block setzen können. Heilung, ich glaube, da werden wir sehr viel Forscherglück brauchen, damit das für unsere Patienten gelingt.

*Prof. Dr. Lars Timmermann ist stellvertretender DGN-Präsident sowie Direktor der Klinik für Neurologie am Standort Marburg des Universitätsklinikums Gießen und Marburg.

Das Gespräch sehen Sie hier im Video:

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Titelbild: DGN

 

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