16.09.2021

Bettina Tietjen: „Ich habe mit meinem demenzkranken Vater viel gelacht“

Es gibt kaum eine Erkrankung, die mehr gefürchtet wird: Alzheimer die große Leere im Gehirn. TV-Moderatorin Bettina Tietjen kümmerte sich jahrelang um ihren an Alzheimer erkrankten Vater. Sie möchte Betroffenen und Angehörigen Mut machen, sagt sie im Interview mit der Deutschen Hirnstiftung.

Meistens beginnt Alzheimer sehr langsam, ist anfangs schwer zu erkennen. Wie war das bei Ihrem Vater?

Bettina Tietjen: Bei meinem Vater begann es mit dem Klassiker, dass er Dinge verlegte und nicht wiederfand. Oder oft dasselbe fragte. Da er schon Anfang 80 war, haben meine Schwester und ich uns zunächst nicht so viele Gedanken gemacht. Mein Vater lebte damals noch allein in seinem Haus in Wuppertal, konnte sich sehr gut allein versorgen. Außerdem wohnte meine Schwester ein paar Häuser weiter und kümmerte sich um ihn. Ich selbst arbeite ja beim NDR in Hamburg, fuhr aber regelmäßig zu ihm nach Wuppertal oder er kam zu uns nach Hamburg.

Wann kam der Moment, als Sie merkten: „Hier stimmt etwas nicht“?

Bettina Tietjen: Es gab mehrere Alarmsignale. Zum Beispiel fuhr mein Vater mehrmals am Tag zur Bank, um die gleiche Summe Geld abzuheben. Seine Brille lag plötzlich in der Tiefkühltruhe. An der Haustür hatten Verkäufer ein leichtes Spiel: Mein Vater kaufte Staubsauger und Wein, schloss mehrere Zeitschriftenabonnements ab. Das finde ich – nebenbei gesagt – ziemlich übel, wie einige Verkäufer die beginnende Demenz meines Vaters ausnutzten… Dann hatte mein Vater eines Tages einen Autounfall, eine Scheibe war zertrümmert, vorne eine Beule. Mein Vater konnte sich aber nicht erinnern, wie das Auto zu Schaden kam. Meine Schwester und ich machten daraufhin sofort für meinen Vater einen Termin beim Neurologen.

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Was sagte der Neurologe?

Bettina Tietjen: Dass es sich bei meinem Vater um eine beginnende Demenz handelt. Meine Schwester und ich hatten damit zwar gerechnet, aber die Diagnose vom Arzt zu hören – das war schon ein Schock. Merkwürdig bei dem Termin beim Neurologen war, dass mein Vater seine Krankheit „überspielen“ wollte. Er wollte sich bestmöglich darstellen, strengte sich geistig sehr an. Bei Fragen des Arztes antwortete er beispielsweise mit Gegenfragen: „Als Arzt müssten Sie doch wissen, welche Jahreszeit wir jetzt haben.“

Vielen Menschen scheint es immer noch peinlich zu sein, wenn ein Angehöriger an Alzheimer erkrankt? Ging es Ihnen genauso?

Bettina Tietjen: Ja und nein. Es gab immer wieder Situationen mit meinem Vater, die mir peinlich waren. Zum Beispiel, wenn wir essen waren und er mehrfach laut „Hunger“ durchs ganze Restaurant rief. Manchmal nahm er auch seine Prothese heraus und legte sie neben seinen Teller. Beim Spaziergang im Park rief er mal einer Joggerin hinterher, sie hätte „einen dicken Arsch“. Ich habe jedoch nie versucht die Krankheit meines Vaters zu verheimlichen, sondern bin immer offen damit umgegangen. Ich finde das sehr wichtig. Alzheimer ist immer noch für viele Menschen ein Tabu. Hier muss sich in unserer Gesellschaft unbedingt etwas verändern.

Wie wurde Ihr Vater therapiert?

Bettina Tietjen: Die Ärzte verschrieben durchblutungsfördernde Medikamente für das Gehirn, Krankengymnastik und Ergotherapie. Sehr hilfreich war für uns die Pflegeberatung in Wuppertal. Meine Schwester und ich haben dann zwei Pflegerinnen engagiert, die meinem Vater abwechselnd im Haushalt halfen. So konnte er lange noch in seinem eigenen Haus wohnen. Als sich sein Zustand verschlechterte, besorgten wir einen Platz in einem Pflegeheim in Hamburg. Es war nicht leicht, ein gutes Heim zu finden. Wir waren dann aber sehr zufrieden. Man kümmerte sich dort rührend um ihn. Außerdem besuchte ich ihn fast täglich.

Wie haben Sie denn die Zeit mit ihm verbracht?

Bettina Tietjen: Das war eine unglaublich intensive Zeit mit meinem Vater, die ich nicht missen möchte. Wir haben viele Ausflüge zusammen gemacht, wir haben Memory gespielt und Stadt, Land, Fluss. Ich lernte ihn auf eine ganz neue Art kennen. Er war viel emotionaler als früher, wir haben viel zusammen gelacht, er hat alberne Witze erzählt. Für meinen Vater kann ich sagen, dass er trotz Alzheimer ein zufriedenes Leben führte. Ich weiß aus Unterhaltungen mit anderen, dass dies bei Alzheimer nicht immer so ist. Manchmal leiden Alzheimer-Patienten auch unter einer Depression oder werden sogar aggressiv. Ich möchte hier trotzdem den Betroffenen Mut machen: Es gibt zwar traurige Momente mit einem an Alzheimer erkrankten Angehörigen, aber auch viele schöne. Daher habe ich über meine Erfahrungen mit meinem Vater ein Buch geschrieben und den Titel „Unter Tränen gelacht“ gewählt (siehe Tipp am Ende der Seite).

Fühlten Sie sich ab und zu überfordert?

Bettina Tietjen: Ja, auf jeden Fall! Oft habe ich mich gefragt, ob das jetzt die richtige Entscheidung war. Diese Zweifel begleiteten mich lange. Stressig war es vor allem dann, wenn ich gerade im Fernsehstudio war, meine Moderation vorbereitete und plötzlich ein Anruf aus dem Pflegeheim kam. Mein Vater sei gestützt, liege im Krankenhaus. Ich bin dann schnell nach der Sendung in die Klinik gefahren. Wichtig für mich war, dass ich mir weiter Auszeiten genommen habe, um Urlaub mit meinem Mann und meinen Kindern zu verbringen. So konnte ich neue Energie tanken.

Wie schnell nahmen die geistigen Fähigkeiten Ihres Vaters ab?

Bettina Tietjen: Das ging langsam. Wahrscheinlich kam ihm zugute, dass er von Beruf Architekt gewesen war und stets viel gelesen hatte. Die Diagnose Alzheimer wurde gestellt als er 83 Jahre alt war, er starb erst mit 89. Erstaunlich war, dass er auch im fortgeschrittenen Zustand noch Gedichte von früher aufsagen und komplette Lieder singen konnte. Er konnte auch sehr gut zeichnen. Bis zuletzt zeichnete er sein Elternhaus und malte Porträts von sich selbst. Als ihm die deutsche Sprache nicht mehr so leicht über die Lippen kam, konnte ich mich mit ihm auf Französisch und Englisch unterhalten. Offenbar ist das Langzeitgedächtnis erhalten geblieben. Schön war auch, dass er mich und die restliche Familie bis zum Schluss erkannt hat.

Wie halten Sie sich selbst denn geistig fit?

Bettina Tietjen: Meine Arbeit als Moderatorin hält mich sehr fit, die Gespräche mit anderen Menschen. Toll ist auch das Projekt „Tietjen campt“ – hier verbinde ich mein Hobby, das Campen und Reisen, mit meinem Beruf. Für die Sendungen fahren wir an verschiedene Orte und ich nehme immer einen anderen Interviewpartner mit. Privat gehe ich regelmäßig joggen und ernähre mich gesund. Außerdem bin ich sehr gesellig, ich habe einen großen Freundeskreis. Soziale Kontakte sind ja sehr wichtig, um geistig fit zu bleiben!

Tipp:
In dem Buch „Unter Tränen gelacht: Mein Vater, die Demenz und ich“ berichtet Bettina Tietjen von der Demenzerkrankung ihres Vaters. Hilfe für Betroffene und Angehörige bietet neben der Deutschen Hirnstiftung die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft.

Haben Sie Fragen? Wir helfen Erkrankten und Angehörigen neutral und kostenfrei im Online Chat und am Telefon 030 531 43 79 36. Mitglieder der Hirnstiftung werden bevorzugt beraten.

Bilder: Bettina Tietjen privat, fotopestka via canva.com

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