29.09.2021

Sollen Erkrankte sich gegen Corona impfen lassen?

Die Pandemie hat unser Leben verändert und gerade neurologisch Kranke haben Angst vor Ansteckung. Tatsächlich haben viele ein erhöhtes Risiko, bei einer Infektion schwerer zu erkranken und Spätfolgen zu bekommen. Deswegen ist ihr Schutz besonders wichtig. Doch können sie sich ohne Bedenken gegen Corona impfen lassen?

Wenn wir früher Bilder aus China oder anderen Teilen Asiens gesehen haben, haben wir die Maskenträger milde belächelt. Noch mehr, wenn die asiatischen Besucher bei Besuch in Heidelberg oder Berlin auf den Straßen mit Maske unterwegs waren. Inzwischen sind die Masken aus dem öffentlichen Leben bei uns nicht mehr wegzudenken. Es kommt uns inzwischen sehr sonderbar und höchst verwerflich vor, wenn uns jemand die Hand geben will. Und wir schrecken zurück, wenn uns jemand zu nahekommt, beispielsweise in der Schlange vor der Supermarkt-Kasse.

Vereinsamung und weniger Arztbesuche

Jenseits von möglichen Quarantäne-Pflichten führt die Corona-Pandemie aber auch zu Vereinsamung. Kontakte werden bewusst reduziert, der Besuch von Räumlichkeiten mit Publikumsverkehr vermieden. Und dies gilt auch für Arztpraxen und andere Einrichtungen unseres Gesundheitswesens. Das Schlimme ist, dass während der Corona-Pandemie die Zahl von Notfallbesuchen in den Arztpraxen und im Krankenhaus deutlich zurückgegangen ist. Und das bei so ernsten Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall!

Die Isolation ist aber für Menschen mit chronischen Erkrankungen besonders hart, vor allem dann, wenn die Betroffenen nicht mehr mobil sind. Oder bei den Verrichtungen des täglichen Lebens auf Hilfe angewiesen sind. Und dies trifft auf viele neurologische Erkrankungen zu. Nach einem Schlaganfall, bei Parkinson oder Multipler Sklerose kann die Beweglichkeit zum Teil deutlich eingeschränkt sein. Und nicht nur für die Mobilität, sondern auch für das Gedächtnis und die Kommunikation sind eine regelmäßige Krankengymnastik, Logopädie oder auch Ergotherapie für den einzelnen Betroffenen unabdingbar.

Für ältere Personen allgemein, aber für Patienten mit kognitiven Einschränkungen im Besonderen, ist der regelmäßige Kontakt mit vertrauten Menschen ebenso wie die neuropsychologische Betreuung extrem wichtig. Auch dies hat die Pandemie in großem Umfang eingeschränkt oder unmöglich gemacht.

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Digitale Konzepte helfen

Die Neurologie hat versucht, auf diese besonderen Herausforderungen zu reagieren. Mit digitalen Konzepten. Wenn der Patient nicht mehr zur Krankengymnastik, Logopädie oder in die Arztpraxis kommen kann, müssen Krankengymnast und Arzt eben zum Patienten gelangen. Sofern es dem Betroffenen gelingt, mit den Neuen Medien adäquat umzugehen, ist dies ein möglicher Weg, um die schlimmsten Befundverschlechterungen zu verhindern.

Beratungen, neurologische Befundkontrollen und Gesprächstherapien sind durchaus über Videosprechstunden möglich. Immer vorausgesetzt, die Betroffenen sind trainiert im Umgang mit Laptop, Computer oder Smartphone. Für Demenzkranke ist dies natürlich keine Lösung.

Impfen schützt – gerade chronisch Kranke

Leider ist es so, dass Patienten mit chronischen neurologischen oder psychiatrischen Erkrankungen auch ein erhöhtes Risiko haben, bei einer Corona-Infektion schwerer zu erkranken. Deswegen ist der Schutz der Betroffenen vor einer Infektion vorrangig. Ganz zentral ist dabei natürlich die Impfung. Immerhin ist es inzwischen weitgehend gelungen, dass ältere Menschen mit chronischen Erkrankungen, die in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sind, in einem hohen Prozentsatz geimpft sind.

Jüngere Patienten, die an neuroimmunologischen Erkrankungen leiden, machen sich allerdings bezüglich der Impfung große Sorgen. Und dies gilt auch für Menschen, die schon einmal eine Thrombose oder einen Schlaganfall hatten. Sie fragen sich:

  • Soll ich mich wirklich impfen lassen, wenn bestimmte Impfstoffe das Risiko von Thrombosen, speziell auch Hirnvenen-Thrombosen, erhöhen?
  • Kann die Impfung bei mir einen MS-Schub auslösen?
  • Was ist, wenn ich immunmodulierende Medikamente einnehme? Wirkt dann die Impfung überhaupt?

Und dann gibt es noch Menschen, die schon einmal eine Fazialisparese hatten oder ein Guillain-Barre-Syndrom (GBS) durchgemacht haben. Bei den Berichten über das vermehrte Auftreten solcher Nervenentzündungen nach Impfung heißt es: Kann ich mich dann wirklich impfen lassen?

Das sollten neurologisch Erkrankte wissen

Zunächst einmal zur Frage der Thromboseneigung. Den Thrombosen nach Verabreichung von Vektor-Impfstoffen (AstraZeneca oder Johnson) liegt ein ganz spezieller immunologischer Mechanismus zugrunde. Es kommt in seltenen Fällen zur Bildung von Antikörpern gegen die Blutplättchen. Und das hat nichts mit früheren Thrombosen zu tun. Es kann jeden treffen, vor allem jüngere Frauen. Erfreulicherweise wissen die Ärzte, wie das Ganze nachgewiesen wird und sich behandeln lässt. Also konkret: Auch wer schon Thrombosen hatte, hat kein erhöhtes Risiko durch die Impfung.

Sowohl Fazialisparesen als auch ein GBS wurden in zeitlichem Zusammenhang mit den COVID-19-Impfungen beobachtet, aber insgesamt sehr selten. Ob wirklich die Impfung für diese neurologischen Erkrankungen verantwortlich ist, ist bislang nicht bewiesen. Und es ist auch nicht klar, ob jemand, der ein solches Krankheitsbild schon einmal durchgemacht hat, wirklich vermehrt gefährdet ist, eine dieser Komplikationen zu erleiden. Eine klare Empfehlung für bestimmte Impfstoffe kann hier nicht gemacht werden. Wenn wider Erwarten verdächtige Symptome nach der Impfung auftreten, sollte rasch reagiert werden. Die gute Botschaft ist, es lassen sich diese beiden neurologischen Komplikationen gut behandeln.

Sichere Hinweise darauf, dass durch eine der Impfungen eine Multiple Sklerose oder eine Myasthenia gravis anhaltend verschlechtert werden, liegen nicht vor, auch wenn es Einzelfallberichte über Neuromyelitis-ähnliche Manifestationen im Zusammenhang mit der Impfung gibt. Die meisten bei neuroimmunologischen Erkrankungen eingesetzten Medikamente sind hinsichtlich des Impferfolgs unproblematisch. Lediglich Medikamente, welche Einfluss auf die sogenannten B-Zellen nehmen (Rituximab, Ocrelizumab), können den Effekt der Impfung beeinflussen. Deshalb sollte ein Abstand von sechs Wochen zur Medikamentengabe eingehalten werden. Gegebenenfalls kann das Ganze labortechnisch überprüft werden.

Für alle genannten neurologischen Komplikationen nach den Impfungen gilt übrigens, dass diese durch eine Corona-Infektion deutlich häufiger ausgelöst werden als durch die Impfung gegen die Erkrankung!

Dass die COVID-19-Infektion nicht nur eine reine Lungenerkrankung ist, war früh klar. Neben einer Nieren- und Herz-Beteiligung ist auch das Nervensystem oft betroffen. Einen Verlust des Riechens und Schmeckens erleiden oft auch ansonsten wenig Betroffene. Bei Erkrankten, die stationär behandelt werden müssen, sind es vor allem diffuse Hirnschädigungen mit Verwirrtheitszuständen, Schlaganfälle und MS-ähnliche Bilder, die durch die Erkrankung ausgelöst werden. Sowohl Fazialisparesen als auch das GBS treten in zeitlichem Zusammenhang mit der COVID-19-Infektion gehäuft auf.

Spätfolgen einer COVID-19-Infektion 

Ein ganz erhebliches Problem stellt schließlich aus neurologischer Sicht das Post-COVID-Syndrom dar. Nicht nur nach stationärer Behandlung der Infektion, sondern auch nach relativ milder COVID-19-Erkrankung klagen viele Betroffene noch Monate nach der Infektion über eine vermehrte Abgeschlagenheit und Müdigkeit mit Belastungsintoleranz (Fatigue), über Kopfschmerzen, Muskelschmerzen und auch kognitive Einschränkungen mit Konzentrations- und Gedächtnisproblemen. Hinzu kommen Ängste, Sorgen und depressive Verstimmungen.

Hier ist es entscheidend den Beschwerden konsequent auf den Grund zu gehen und sie gezielt zu behandeln. Auch wenn dies derzeit in erster Linie durch eine symptomorientierte Medikamentengabe, rehabilitative Maßnahmen und eine Gesprächstherapie erfolgt, ist es eine besonders wichtige neurologische Aufgabe, den Betroffenen zu helfen und den Weg zurück in den Beruf oder in einen befriedigenden Alltag zu ermöglichen. Spezielle Neuro-COVID-Sprechstunden werden hierzu zunehmend aufgebaut. Und Medikamente zum Ursachen-orientierten gezielten Einsatz werden erprobt. Also auch in naher Zukunft wird COVID-19 die Neurologie weiter beschäftigen. Im Interesse aller Betroffenen.

Haben Sie Fragen? Wir helfen Erkrankten und Angehörigen neutral und kostenfrei im Online Chat und am Telefon unter 030 531 437 936 (Mo-Fr, 10-14 Uhr).


Autor: Prof. Dr. med. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN)

Titelbild: iStock.com/SeventyFour

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