Funktionelle Paresen und Gefühlsstörungen

Auf einen Blick

Hier finden Sie das Wichtigste auf einen Blick. Ausführliche Informationen haben wir weiter unten zusammengestellt.

Häufigkeit – Funktionelle Paresen und Gefühlsstörungen sind keine Seltenheit und können in jeder Altersgruppe auftreten. Tendenziell ist die Diagnose bei Frauen häufiger, was sehr unterschiedliche Gründe haben kann.

Hauptsymptome – Die Symptome reichen von motorischen Paresen (Schwäche, Kraftlosigkeit) bis zu funktionellen Gefühlsstörungen (Kribbelmissempfindungen, Überempfindlichkeit und Taubheit).

Diagnostik – Eine funktionelle Schwäche oder Lähmung wird üblicherweise am charakteristischen klinischen Erscheinungsbild erkannt (u. a. Kraftprüfung und bildgebende oder elektrophysiologische Verfahren).

Behandlung – Zur Behandlung motorischer und sensibler funktioneller Störungen haben sich sowohl physiotherapeutische als auch psychotherapeutische Verfahren bewährt. Ideal ist eine Kombination beider Ansätze.

Wichtig zu beachten – Hilfsmittel im Zuge der Therapie sollten nur zeitlich begrenzt in Anspruch genommen werden, da sie der Normalisierung der Körperfunktionen entgegenwirken können.

Motorische Paresen (Schwäche/Kraftlosigkeit) reichen von einer zeitweiligen Verunsicherung in der Bewegungskontrolle (z. B. Fallenlassen von Gegenständen) bis hin zu schweren Lähmungen. Es können Arme und Beine oder eine ganze Körperhälfte betroffen sein (sogenannte funktionelle Hemiparese). Typisch sind ein plötzlicher Beginn und ein wechselhafter Verlauf mit guten und schlechten Tagen. Charakteristische Begleitbeschwerden sind chronische Schmerzen, körperliche Erschöpfung und Konzentrationsstörungen.

Funktionelle Gefühlsstörungen (auch Sensibilitätsstörungen genannt) können in Kombination mit motorischen Störungen oder als eigenständiges Symptom auftreten. Typisch sind Kribbelmissempfindungen, Überempfindlichkeit und Taubheit. Oft ist eine Körperhälfte betroffen (funktionelle Hemihypästhesie), manchmal ein ganzer Arm oder ein ganzes Bein. Alternativ können die Gefühlsstörungen handschuh- oder strumpfförmig begrenzt sein.

Oft gehen funktionellen Störungen dieser Art Verletzungen oder Fehlbelastungen voraus, gelegentlich auch Migräne-Attacken oder medizinische Eingriffe. Derartige Auslöser können Schmerzen und Bedrohungsgefühle hervorrufen, die dazu führen, dass natürliche Reaktionen des Körpers wie Schonhaltung, Bewegungsvermeidung und gesteigerte Empfindlichkeit in krankhafte Dauerzustände übergehen. Diese Fehlanpassung findet jenseits der bewussten Kontrolle statt. Verschiedene körperliche und psychische Vorerkrankungen können die Entstehung und Aufrechterhaltung funktioneller Störungen begünstigen.

Menschen, die bereits neurologische Ausfälle aufgrund einer anderen Krankheit haben, können zusätzlich funktionelle Ausfälle entwickeln. Psychische Risikofaktoren sind eine Depression, Angststörungen (einschl. Panikattacken) und Persönlichkeitsstörungen. Schwere körperliche und psychische Belastungen in der Kindheit scheinen eine Anfälligkeit für funktionelle Störungen zu vermitteln, liegen aber nicht in jedem Fall vor.

Ohne eine spezifische Behandlung ist der Verlauf funktioneller Lähmungen in etwa der Hälfte der Fälle chronisch. Die Prognose ausschließlich sensibler funktioneller Anfälle (z. B. Missempfindungen oder Taubheitsgefühl) ist hingegen verhältnismäßig gut.

Eine funktionelle Schwäche oder Lähmung wird üblicherweise am charakteristischen klinischen Erscheinungsbild erkannt. Spezielle Untersuchungstechniken bei der Kraftprüfung erlauben oft schon eine eindeutige Diagnose. Gelegentlich werden zusätzliche bildgebende oder elektrophysiologische Verfahren angewandt, um eine Schädigung des Nervensystems auszuschließen. Allerdings handelt es sich nicht um eine reine „Ausschlussdiagnose“. Ähnliches gilt für funktionelle Störungen der Sensibilität.

Zur Behandlung motorischer und sensibler funktioneller Störungen haben sich sowohl physiotherapeutische als auch psychotherapeutische Verfahren bewährt. Ideal ist eine Kombination beider Ansätze. Ein Ziel der Therapie ist die Neuausrichtung der Körperwahrnehmung, damit sich die unbewusste Bewegungskontrolle und Empfindungswahrnehmung schrittweise normalisieren. Wenn ängstliches Vermeidungsverhalten die Beschwerden verstärkt, ist eine explizite Behandlung der Ängste sinnvoll.

Wenn die Beschwerden bereits chronisch sind, also seit vielen Monaten bestehen, ist eine spontane Heilung unwahrscheinlich. Eine individuell angepasste Rehabilitation mit Physiotherapie, Ergotherapie, Psychotherapie und anderen Behandlungsmodulen kann jedoch bei einem Großteil der Patienten zu anhaltender Symptomlinderung führen.

Funktionelle Ausfälle können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Während sie bei manchen Patienten den Alltag kaum einschränken, führen sie bei anderen zu einer schwergradigen Behinderung. Der Umgang mit den eigenen Symptomen sollte die Balance zwischen Akzeptanz und engagierter Therapieteilnahme (einschließlich selbstständiger Übungen) finden. Hilfsmittel sollten nur zeitlich begrenzt in Anspruch genommen werden, da sie der Normalisierung der Körperfunktionen entgegenwirken können.

Autoren: Dr. Stoyan Popkirov, Oberarzt, Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Knappschaftskrankenhaus Bochum & Dr. Matthias Hoheisel, AOK Institut für psychogene Erkrankungen, Berlin

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