Eingeklemmter Nerv

Auf einen Blick

Häufigkeit Ein „eingeklemmter Nerv“ bzw. die Schädigung eines Nerven durch Druck ist ein sehr häufiges Phänomen. Allein das häufigste Nervenkompressionssyndrom, das Karpaltunnelsyndrom am Handgelenk, hat ein Erkrankungsrisiko von 8–10 %. Frauen sind hier doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Hauptsymptome –  einer Nervenschädigung durch Druck sind Schmerzen, Kribbelmissempfindungen und im Verlauf auch bleibende Gefühlsstörungen und Lähmungen im anatomischen Versorgungsgebiet des entsprechenden Nerven.

Diagnostik Die Diagnostik beruht überwiegend auf der gezielten Anamnese des Patienten und der körperlichen Untersuchung. Weitere wichtige Diagnoseverfahren sind die elektroneurographische Messung der entsprechenden Nerven und ggf. auch die Ultraschalluntersuchung der entsprechenden Engpassregion.

Behandlung Vermeiden von äußerem Druck, Entlastung der Nerven durch Ruhigstellung, abschwellende Maßnahmen, ggf. operative Therapie

Wichtig zu beachten – Die Symptome eines „eingeklemmten Nerven“ erkennt man in der Regel unschwer selbst. Wenn die Beschwerden sich nicht spontan zurückbilden und länger als einige Stunden anhalten, sollte man eine Abklärung durch einen Neurologen vornehmen lassen.

Hauptsymptome einer Nervenschädigung durch Druck sind zunächst Schmerzen und unangenehme Missempfindungen (eingeschlafenes Gefühl, Kribbeln), vergleichbar mit den Beschwerden, die auftreten, wenn durch unphysiologische Armhaltung oder falsches Sitzen eine Extremität „einschläft“. Während sich letztgenannte Beschwerden normalerweise durch Bewegen der Extremität wieder zurückbilden, bleiben sie bei einer anhaltenden Nervenkompression bestehen. Wird der Druck auf den Nerven nicht beseitigt, so kommen auch Ausfälle von Sensibilität und Motorik dazu (anhaltende Taubheit, Lähmungen der Muskeln und schließlich auch Atrophie der Muskeln). Die Symptome zeigen sich im Versorgungsgebiet des jeweiligen Nerven.

Ein sogenannter eingeklemmter Nerv wird durch Druck geschädigt. Dies kann durch Druck von außen entstehen, aber auch durch Einengungen, die aus präformierten anatomischen Engstellen resultieren (sog. Engpasssyndrome). Häufig entsteht die Symptomatik durch eine Kombination beider Faktoren. Typische Engpassregionen sind der sogenannte Karpaltunnel am Handgelenk beugeseitig, in dem der Medianus-Nerv geschädigt werden kann, die knöcherne Ulnarisrinne (Sulcus ulnaris) am Ellenbogen, in der der Ulnaris-Nerv (Ellennerv) direkt zwischen Haut und Knochen verläuft, oder die Region hinter dem Wadenbein-Köpfchen (Peronaeus-Nerv). Druckschäden anderer Nerven in anderen Regionen kommen vor, sind aber deutlich seltener. Wiederholte, monotone mechanische Tätigkeiten wie z. B. Hobeln oder Schleifen können zu einer akuten oder chronischen Druckschädigung führen. Schließlich kann auch ein zu lange anhaltender, vom Patienten nicht wahrgenommener Druck von außen zu Nervenschädigungen führen (Narkosen, Schlaf, Alkohol- oder Drogenrausch). Auch bei Bandscheibenvorfällen mit Nervenschädigungen wird umgangssprachlich häufig von einem „eingeklemmten Nerven“ gesprochen. Hier übt der Bandscheibenvorfall, oft begleitet von knöchernen vorbestehenden Einengungen, Druck auf die entsprechende Nervenwurzel aus.

Engpasssyndrome können dadurch begünstigt werden, dass bei manchen Patienten präformierte Engstellen im Verlauf eines Nerven anlagebedingt besonders eng sind. Spezielle Gegebenheiten können nun diese Regionen weiter einengen. Hierzu gehören Risikofaktoren wie Schwangerschaft mit hormonell bedingter Wassereinlagerung, Rheuma mit knöchernen Einengungen und Weichteilschwellungen, aber auch ein Diabetes mellitus, der zu einer besonderen Vulnerabilität des Nerven führt. Schließlich gibt es in seltenen Fällen eine genetische Prädisposition, bei der Nerven bereits auf kurz anhaltenden Druck mit einer anhaltenden Schädigung reagieren. Nach dieser Veranlagung sollte man mittels einer genetischen Blutuntersuchung gezielt suchen, wenn es bei einem Patienten in verschiedenen Körperregionen wiederholt zu solchen Druckschäden kommt.

Druckschäden peripherer Nerven, die durch einen einmalig bestehenden starken Druck entstanden sind, können sich innerhalb von Wochen bis Monaten vollständig erholen.
Liegt eine chronische Druckeinwirkung vor, so kann sich die Symptomatik nur verbessern, wenn die Druckeinwirkung behoben wird. Diese kann gegebenenfalls eine Operation erforderlich machen. In beiden Fällen können auch Restschäden bestehen bleiben, was umso wahrscheinlicher wird, je länger die Schädigung besteht.

Die Diagnose wird ganz überwiegend durch die geschilderten Symptome und ihren Nachweis in der körperlichen neurologischen Untersuchung gestellt. Zur Bestätigung der Diagnose und zur Beurteilung ihres Schweregrads erfolgt meist eine elektrophysiologische Untersuchung, bei der mit Stromreizen die Nervenleitgeschwindigkeit des entsprechenden Nerven und die Größe der Reizantwort gemessen werden. Zusätzlich kann mit einer Nadeluntersuchung (sog. EMG) eruiert werden, ob und wie hochgradig bereits eine Schädigung der betroffenen Muskeln ist. Mit bildgebenden Verfahren (Ultraschall, MRT) kann in vielen Fällen der eingeengte Nerv direkt dargestellt werden. Durch diese Untersuchungen lassen sich oft auch die Strukturen darstellen, die den Nerven komprimieren können.

Vorrangiges und kausales Therapieziel ist, den betroffenen Nerven dauerhaft vor einer Druckeinwirkung zu schützen und ihn zu entlasten. Dieses kann konservativ durch Vermeiden einer äußeren Druckeinwirkung geschehen (z. B. Unterlassen von Tätigkeiten oder Haltungen, die zu vermehrtem Druck auf Nerven in präformierten Engpassregionen führen, wie Sitzen mit übereinandergeschlagenen Beinen, Aufstützen des Ellenbogens, manuellen Verrichtungen mit Druck auf das Handgelenk), durch unterstützende Ruhigstellung mit Schienen, abschwellende Medikamente oder schließlich auch durch eine Operation mit Druckentlastung des entsprechenden Nerven. Solche Operationen können offen mit entsprechendem Hautschnitt, aber auch endoskopisch durchgeführt werden.

In der Regel ist eine durch Druck entstandene Nervenschädigung weniger gravierend als eine Verletzung durch scharfe oder spitze Gewalteinwirkung. Das Erholungspotenzial des Nerven ist zumeist gut. Je länger eine Druckschädigung besteht und je stärker sie bereits ausgeprägt ist, umso schlechter ist aber die Regeneration. Der richtige Zeitpunkt für einen operativen Eingriff sollte nicht verpasst werden. Verbleibende sensomotorische Defizite werden mit Ergotherapie und Krankengymnastik behandelt.

Ganz im Vordergrund für den Patienten steht, weitere Druckeinwirkung auf den entsprechenden Nerven zu vermeiden. Besondere Vorsicht gilt für Situationen, in denen die frühen Symptome vom Patienten nicht bemerkt werden (Narkose, Schlaf, Rauschzustände).

Die Abklärung eines Nervenkompressionssyndroms sollte durch einen Neurologen erfolgen, der auch den Schweregrad der Schädigung bestimmen kann und entsprechende Therapieverfahren vorschlägt. Er kann bei der Auswahl des Operateurs behilflich sein, wenn eine Operation erforderlich wird.

Allgemein gilt, dass jeder Nerv durch Druck geschädigt werden kann, wenn der Druck ausreichend stark ist und lange genug anhält. Man sollte also Zwangshaltungen oder repetitive Arbeiten vermeiden, bei denen es zu solchen Druckschäden kommen kann.

Grundsätzlich müssen sich die neurologischen Ausfälle nach einer Operation nicht vollständig erholen. Sollte es aber zu einer sekundären Verschlechterung kommen, so ist eine erneute Abklärung unumgänglich, da es zu einer Komplikation oder einem Rezidiv gekommen sein kann.

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Autor: PD Dr. Andrea Jaspert-Grehl, Klinik für Neurologie, Alfried Krupp Krankenhaus, Essen
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