Ob das Erlernen eines Instruments oder der Chor am Wochenendabend: Musik ist weit mehr als nur Unterhaltung. Sie erweist sich als wirkungsvolles Werkzeug in der Demenzprävention und -therapie. Anlässlich der Woche der Demenz beleuchtete SR Kultur die bedeutende Rolle von Musik für die Gehirngesundheit im Gespräch mit Prof. Dr. Frank Erbguth, Präsident der Deutschen Hirnstiftung.
Musik besitzt einen einzigartigen, direkten Zugang zu unseren Emotionen und unserem Gedächtnis. Doch ihre Wirkung geht weit über nostalgische Momente hinaus: Musik kann unser Gehirn vor dem kognitiven Verfall schützen. Wer selbst zum Instrument greift oder singt, fordert sein Gehirn auf Höchstleistung heraus.
„Machen ist deutlich besser als nur Hören“, sagt Erbguth. „Denn wenn Sie Musik machen, befeuern Sie sozusagen alle Kanäle, die das Gehirn dann verarbeiten muss.“
- Sehen: das Lesen von Noten
- Hören: das genaue Hinhören und Kontrollieren der eigenen Töne
- Motorisch: das Greifen von Tasten, Zupfen von Saiten oder Führen des Streichbogens
- Emotional & Sozial: die emotionale Empfindung der Musik sowie das Zusammenspiel mit anderen in einer Band, einem Ensemble oder Chor
Beim aktiven Musizieren greifen also zahlreiche Hirnareale zeitgleich ineinander, so der Neurologe und Psychologe. Durch diese multisensorische Beanspruchung werden „alle Synapsen des Gehirns gut bespielt.“
Plastizität und kognitive Reserve: Das Gehirn wächst mit seinen Aufgaben
Diese umfassende Stimulation regt die sogenannte Gehirnplastizität an – die Fähigkeit des Gehirns, sich durch Nutzung anzupassen und neu zu vernetzen. Studien zeigen, dass aktives Musizieren die Bildung neuer Synapsen fördert und bestehende Verbindungen verstärkt.
Auf die Frage, ob das Gehirn durch Musik im übertragenen Sinne wachsen könne, erklärt Erbguth:
„Man hat Untersuchungen gemacht mit Kernspins, dass Instrumentenspielen nach schon etwa sechs Monaten tatsächlich Strukturen im Gehirn verändert. Die Verbindungen werden mehr, die graue Substanz nimmt zu und das ganze Verbindungsnetzwerk nimmt zu. Man kann das wirklich nachweisen.“
Durch diese strukturellen Veränderungen baut das Gehirn eine kognitive Reserve auf. Diese Reserve hilft dem Denkorgan, Alterungsprozesse oder beginnende krankheitsbedingte Schädigungen länger zu kompensieren, sodass Symptome einer Demenz erst deutlich später oder milder in Erscheinung treten.
Nie zu spät: Auch im Alter profitiert das Gehirn
Ein weitverbreiteter Mythos besagt, dass man ein Instrument in jungen Jahren lernen müsse, um von diesen Effekten zu profitieren. Erbguth macht Betroffenen und Interessierten jedoch Mut:
„Es gibt tatsächlich Studien, die das bei Menschen ab 60 noch einmal probiert haben, und selbst dort funktioniert es. Man könnte sagen: Es ist nie zu spät.“
Egal ob Klavier, Gitarre oder die Auffrischung früherer Kenntnisse – der positive Effekt stellt sich auch im höheren Alter ein. Auch das Singen im Chor bietet hervorragende Trainingsreize, da hier zusätzlich das Verfolgen der eigenen Stimme im Satz sowie das soziale Miteinander gefordert werden.
Musik als Therapie bei bereits erkrankten Menschen
Auch wenn Demenz bereits diagnostiziert wurde, verliert Musik nicht an Bedeutung. Zwar hat bloßes Musikhören keinen nachgewiesenen präventiven Effekt auf das Erkrankungsrisiko, in der Therapie zeigt es jedoch erstaunliche Wirkungen:
- Symptomlinderung: Musik kann Unruhe, Verwirrtheit und Agitation bei Demenzkranken spürbar lindern und depressive Verstimmungen aufhellen.
- Brücke zur Erinnerung: Selbst bei schwer dementen Personen, die verbal kaum noch erreichbar sind, vermögen vertraute Melodien längst verloren geglaubte Erinnerungen und Emotionen hervorzurufen. Musik schafft so einen emotionalen Zugang und Kommunikationskanal, wo Worte versagen.
Empfehlung der Deutschen Hirnstiftung
Aufgrund dieser wissenschaftlichen Datenlage rät die Deutsche Hirnstiftung allen Menschen – unabhängig von Alter oder musikalischem Talent –, zur Förderung der eigenen kognitiven Gesundheit aktiv zu werden. Ob Chor, Musikschule oder das eigenständige Erlernen eines Instruments: Jede Note ist eine Investition in die Zukunft unseres Gehirns.
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