Der weibliche Zyklus hat einen direkten Einfluss auf die Häufigkeit von Migräne-Attacken. Heute lässt sich der Schmerz wirksam bekämpfen. Aber Betroffene sollten einiges beachten – denn nicht zuletzt haben sie ein erhöhtes Risiko für Erkrankungen wie Schlaganfälle und für Herzkrankheiten.
Migräne ist eine Krankheit, die die Lebensqualität der Betroffenen massiv beeinträchtigt. „Der Leidensdruck ist enorm, denn die Migräne legt das Leben lahm. Nichts geht mehr – und die Migräneanfälle kommen unangekündigt und sind nicht planbar“, erklärt Dr. Astrid Gendolla, Inhaberin einer neurologischen Praxis in Essen und Migräne-Expertin der Deutschen Hirnstiftung.
Karrierekiller und „Lebensenergie-Sauger“
Wie die Expertin weiter ausführt, zwingen die Kopfschmerz-Attacken die Hälfte der Betroffenen zur Bettruhe [1]. Drei Viertel von ihnen geben an, dadurch in der Arbeitsfähigkeit deutlich eingeschränkt zu sein [2]. „Das wirkt sich auch auf die Karrieren der Betroffenen aus, sie können ihr Potenzial nicht voll nutzen wie gesunde Menschen“, so die Expertin. Gleiches gelte für das Privatleben: 1 von 3 Patientinnen und Patienten vermeidet es sogar, Aktivitäten zu planen, aus Angst, absagen zu müssen [3].
Das zermürbe. Hinzu komme nach Ansicht der Neurologin das Stigma, das bis heute noch der Erkrankung anhaftet: „Es gibt keinen Biomarker oder MRT-Bild, das die Erkrankung nachweist, auch längst widerlegten Hypothese wie die ‚Kopfschmerzpersönlichkeit‘ führen zur Voreingenommenheit gegenüber den Betroffenen, insbesondere den Frauen“
Gendolla sieht hier ein Henne-Ei-Problem: Nicht die Persönlichkeit prädisponiere für Migräne, sondern die Migräne beeinträchtige so stark die Lebensqualität, dass die Betroffenen niedergeschlagen und kraftlos werden, viele auch an einer Depression erkranken.
Der Einfluss des weiblichen Zyklus auf die Migräne
Dass weibliche Hormone bei der Migräne eine Rolle spielen, lässt sich bereits daran ablesen, dass Frauen deutlich häufiger an dieser Kopfschmerzerkrankung leiden als Männer. Wie man heute weiß, hat der weibliche Zyklus einen direkten Einfluss. Bei Frauen mit Migräne geht beispielsweise der Spiegel des Hormons Östradiol nach dem Eisprung schneller zurück als bei denen ohne Migräne [4].
Grundsätzlich wird zwischen rein menstrueller Migräne, die nur während der Regelblutung auftritt, und der menstruationsassoziierten Migräne, die während der Regelblutung, aber zusätzlich auch an anderen Tagen auftritt, und jener Migräne unterschieden, nicht mit der Menstruation assoziiert ist.
„Behandelt wird die Migräne aber trotzdem nicht mit Hormonen oder mit einer Hormonentzugstherapie – das würde viel zu viele unerwünschte Nebenwirkungen mit sich bringen oder das kardiovaskuläre Risiko erhöhen –, sondern mit Migränemedikamenten“, erklärt Dr. Gendolla.
„Lediglich bei der rein menstruationsbedingter Migräne kann bei Frauen, die verhüten möchten, eine Gestagenpille eingesetzt werden, die ohne Pause eingenommen wird und bei der es nicht zur Regelblutung kommt.“ Das breite Spektrum an modernen Migränemedikamenten, sowohl zur Prophylaxe als auch zur Akuttherapie, ermögliche bei den meisten Frauen eine gute Migränekontrolle.
Migräne in der Schwangerschaft
Wie sehr die Hormone an der Migräne beteiligt sind, zeigt sich auch daran, dass sich bei 50-75 Prozent der Betroffenen eine deutliche Besserung in der Schwangerschaft einstellt, vor allem im ersten Trimenon: Migräne-Attacken treten seltener auf und sind zudem weniger intensiv und lang. Besonders profitieren werdende Mütter, bei denen die Migräne mit der ersten Regelblutung aufgetreten ist.
Migränepatientinnen mit Kinderwunsch müssen jedoch einiges beachten. „Wichtig ist es, die Medikation vor einer geplanten Schwangerschaft mit der Ärztin/dem Arzt zu besprechen, denn einige Medikamente sollten bereits 3 Monate vor der Schwangerschaft abgesetzt werden“, so die Expertin.
„Da in den meisten Fällen die Intensität der Migräne während der Schwangerschaft zurückgeht, ist der Verzicht auf eine Anfallsprophylaxe in vielen Fällen auch problemlos möglich. Darüber hinaus empfehlen wir, nicht-medikamentöse Therapiemaßnahmen wie Ausdauersport, Entspannungsverfahren oder Stressreduktion stärker in den Blick zu nehmen.“
Und selbst wenn es zu einem Anfall kommt, müssen sich werdende Mütter keine Sorgen machen: Migräne-Attacken haben keinen negativen Einfluss auf den Verlauf einer Schwangerschaft.
Migräne in den Wechseljahren
Die Lebensstilmaßnahmen empfiehlt Gendolla auch Migränepatientinnen in den Wechseljahren, denn schwankende Hormonspiegel in der Menopause, insbesondere der Perimenopause (bevor die Blutung ausbleibt), begünstigen Migräneanfälle.
„In dieser Phase ist es wichtig, die Migränemedikation bei Bedarf zu intensivieren und sich selbst in den Fokus der Fürsorge zu rücken, auch wenn das vielen Frauen schwerfällt. Zentral sind Bewegung, Ruhe, Entspannung, ausreichend Schlaf und eine gute Ernährung.“
Auch rät die Expertin zu Östrogenpflastern (oder -gelen), die Hormonschwankungen ausgleichen und sich dadurch positiv auf die Migränehäufigkeit auswirken [5]. Die gute Nachricht: Nach der Menopause bessert sich in den meisten Fällen die Migräne wieder.
Migräne mit Aura
Wichtig ist es Gendolla, grundsätzlich alle betroffenen Frauen auch dafür zu sensibilisieren, dass Migräne, insbesondere die Migräne mit Aura (= neurologische Vorbote wie Lichtblitze, Schwindel oder Sprachstörungen) mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen wie Schlaganfälle oder Herzkrankheiten verbunden ist [4].
Migräne-Patientinnen sollten das wissen und durch ihren Lebensstil gegensteuern, indem sie sich ausreichend bewegen, gesund ernähren und das Rauchen aufgeben. „Diese Maßnahmen wirken gleich doppelt, da sie sich nur auf das kardiovaskuläre Risiko, sondern auch positiv auf die Häufigkeit und Schwere von Migräneanfällen auswirken. Bei Frauen in der Menopause wirken sie sogar dreifach, da sie ebenso die Wechseljahrbeschwerden mindern.“
Quellen:
[1] Migraine prevalence, disease burden, and the need for preventive therapyÖffnet in neuem Tab
[2] Assessing and managing all aspects of migraine: migraine attacks, migraine-related functional impairment, common comorbidities, and quality of lifeÖffnet in neuem Tab
[3] The family impact of migraine: population-based studies in the USA and UKÖffnet in neuem Tab
[4] Migraine in women: the role of hormones and their impact on vascular diseasesÖffnet in neuem Tab
[5] Migraine, menopause and hormone replacement therapyÖffnet in neuem Tab

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