Im April dieses Jahres zeigte eine viel beachtete Studie, dass der Wirkstoff Tolebrutinib progressive Multiple Sklerose (MS) bremsen kann. Warum das so ist, will jetzt ein Projekt genauer herausfinden, das die Hirnstiftung mit ihrem Forschungspreis 2025 ausgezeichnet hat.

Forschungspreisträger ist PD Dr. Ali Maisam Afzali. Er ist Wissenschaftler und Facharzt für Neurologie an der Münchner Uniklinik Rechts der Isar. Der Hintergrund seiner Arbeit ist: Anders als bei der schubförmigen Form der MS wirken Medikamente bislang nur begrenzt bei der selteneren progressiven MS, die schleichend voranschreitet.

Tolebrutinib kann Verschlechterung um über 30 Prozent bremsen

Der Wirkstoff Tolebrutinib verringert das Risiko eines Voranschreitens der Krankheit gegenüber einem Placebo um 30 Prozent. Das haben Ergebnisse von über 1100 Betroffenen gezeigt, die über mehr als zwei Jahre an der HERCULES genannten Studie teilnahmen [1].

Tolebrutinib hemmt dabei das Enzym Bruton-Tyrosinkinase, welches die fehlgeleitete Entzündungsaktivität bestimmter Immunzellen aktiviert, die beim Voranschreiten der MS eine Rolle spielt – und besonders bei der progressiven Form. „Das ist ein wichtiger Durchbruch, der in seiner Wirkungsweise bislang nur unzureichend verstanden ist“, sagt Afzali. „Und genau hier liegt die Herausforderung.“

Preisträger möchte Funktionsweise von Tolebrutinib besser verstehen

Im ausgezeichneten Projekt soll zunächst an Mäusen genauer getestet werden, über welche Mechanismen sich die Behandlung mit Tolebrutinib auf die Entzündungsaktivität im Gehirn auswirkt. So lassen sich die therapeutischen Mechanismen des Mittels besser verstehen.

In einem zweiten Schritt will Forschungspreisträger Afzali herausfinden, welche der beteiligten Immunzelltypen am meisten zum Fortschreiten der MS beitragen und welche beim Einsatz von Tolebrutinib die Hauptträger des therapeutischen Effekts bei der progressiven MS sind.

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Gen-Schere hilft bei Entschlüsselung zellulärer Mechanismen

Die Entschlüsselung dieser Mechanismen in den Zellen „stellt einen entscheidenden Schritt hin zu zielgerichteten, wirksameren Therapien bei progressiver MS dar“, sagt Afzali. Mithilfe einer Gen-Schere schalte man dafür das Enzym Bruton-Tyrosinkinase in ausgewählten Immunzelltypen gezielt aus und beobachtet dann die Wirkung auf die Entzündung.

Mit dem Projekt baue man direkt auf den wegweisenden Erkenntnissen der HERCULES-Studie auf. „Damit möchten wir die Lücke zwischen Behandlung und Grundlagenforschung schließen und eine Basis für gezieltere Therapien schaffen, die bei der Hemmung von Bruton-Tyrosinkinase ansetzen“, so Afzali.

Der Förderpreis der Hirnstiftung sei daher mehr als eine Anerkennung. „Er ist eine Chance, auch für mich persönlich, Pilotdaten zu generieren und die Grundlage für zukünftige präzisionsmedizinische Ansätze. Vielen Dank an die Deutsche Hirnstiftung für dieses Vertrauen!“

Viele hochkarätige Projekte waren eingereicht

Für den Förderpreis hatte es zahlreiche hervorragende Bewerbungen aus dem Bereich der Neuroimmunologie gegeben. Die Förderpreis-Jury habe Afzalis Projekt ausgewählt, weil es einen Weg hin zu einer erfolgreichen Therapie der progressiven MS weisen könnte, sagt Hirnstiftungspräsident Prof. Dr. Frank Erbguth. „Auch für diese Erkrankten sollten zukünftig Therapien möglich werden, die so erfolgreich sind, wie heute schon Therapien für Menschen mit schubförmiger MS.“

Mehr erfahren: Multiple Sklerose

Quelle: [1] Tolebrutinib in Nonrelapsing Secondary Progressive Multiple Sclerosis (NEJM)Öffnet in neuem Tab