Juveniler Schlaganfall
Auch jüngere Menschen können Schlaganfälle erleiden. Das Spektrum unmittelbarer Auslöser ist dabei breiter und anders verteilt als bei älteren Betroffenen.
Autor: PD Dr. med. Daniel Strunk, Leiter der Klinik für Neurologie, Hospital zum Heiligen Geist, Kempen
Stand: Oktober 2024

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Symptome
Die Symptome können je nach Art des Schlaganfalls und den betroffenen Gehirnregionen völlig verschieden sein, sind aber grundsätzlich in allen Altersgruppen gleich.
Eine einheitliche Definition hinsichtlich des Alters Betroffener bei Manifestation eines juvenilen Schlaganfalls gibt es nicht. Während in der Erwachsenenmedizin die Altersuntergrenze von 18 Jahren feststeht, so variiert die Obergrenze zwischen 40 und 55 Jahren.
Grundsätzlich gilt, dass die Häufigkeit von Schlaganfällen mit dem Lebensalter stark zunimmt, wohingegen junge Menschen zwar betroffen sein können, aber ein vergleichsweise verschwindend niedriges Schlaganfallrisiko haben.
Wie häufig ist ein juveniler Schlaganfall?
Die Anzahl juveniler Hirninfarkte wird mit etwa 2,4 pro 100.000 Einwohner pro Jahr für Personen im Alter von 20–24 Jahren und 20 pro 100.000 Einwohner pro Jahr für 35–44-Jährige angegeben.
Weitaus seltener ist das Auftreten anderer Arten von juvenilen Schlaganfällen:
- Blutungen in das Hirngewebe (intrazerebrale Blutung (ICB), ca. 10 Prozent)
- Blutungen in den Zwischenraum zwischen Gehirn und Hirnhäuten (Subarachnoidalblutung, ca. 20 Prozent)
- Blutgerinnsel in den Venen im Schädelinneren (Sinus-/Hirnvenenthrombose, ca. 1 Prozent)
Auf die Altersgruppe unter 55 Jahren entfallen somit rund 15 Prozent der Schlaganfälle in Deutschland, entsprechend 30.000 juvenilen Schlaganfällen im Verlauf eines Jahres.
Ursachen
Ebenso wie ältere können auch jüngere Menschen Schlaganfälle erleiden, wenn auch deutlich seltener. Die grundlegenden Mechanismen der Entstehung von Schlaganfällen, d.h. Verschluss oder Einriss einer Ader, die das ZNS mit Blut versorgt, sind stets gleich. Innerhalb dessen ist das Spektrum unmittelbarer Auslöser von juvenilen Schlaganfällen breiter und anders verteilt als bei älteren Betroffenen.
Dabei wird im Hinblick auf Hirninfarkte in der Regel zwischen fünf Gruppen möglicher Auslöser unterschieden:
- Erkrankungen großer ZNS-Adern (Makroangiopathie)
- Vom Herzen ausgehende Schlaganfälle (kardiogen-embolisch)
- Erkrankungen kleiner ZNS-Adern (Mikroangiopathie)
- Andere definitive Ursachen, z.B. Entzündungen von Adern im ZNS oder Gerinnungsstörungen
- Unklare Ursache (kryptogen)
Die Diagnosestellung des juvenilen Hirninfarktes folgt grundsätzlich nach denselben Prinzipien wie bei älteren Patient/-innen, allerdings bezieht die Suche nach den Ursachen zusätzliche Krankheitsbilder ein, unter anderem Gerinnungsstörungen oder Entzündungen der das Gehirn versorgenden Adern.
Auch nicht-entzündliche Blutgefäßerkrankungen kommen vor, unter anderem die in Europa seltene Moyamoya-Erkrankung oder vorübergehende, mit stärksten Kopfschmerzen einhergehende Verengungen der Adern (reversibles zerebrales Vasokonstriktionssyndrom).
Die häufigsten Ursachen eines juvenilen Hirninfarktes sind:
- ein „Loch in der Herzscheidewand“, ein sogenanntes persistierendes Foramen ovale
- ein Riss (Dissektion) in der Innenwand einer hirnversorgenden Ader, durch den Blut zwischen die Innen- und Außenwand des Blutgefäßes läuft und den Blutstrom zum Gehirn behindert
Die Ursache einiger juveniler Hirninfarkte bleibt aber zumindest vorläufig ungeklärt („kryptogen“).
Demgegenüber sind ältere Menschen eher aufgrund von Gefäßverengungen durch Arteriosklerose oder Herzrhythmusstörungen, insbesondere dem Vorhofflimmern oder -flattern, betroffen. Länger andauernde Schädigungen der kleinen Hirnadern durch Einflüsse wie Bluthochdruck oder Diabetes können ebenso zu Hirninfarkten führen.
Hinsichtlich Hirnblutungen ist Bluthochdruck die häufigste Ursache im Alter zwischen 40 und 70 Jahren. Bei über 70-Jährigen begünstigen am häufigsten Ablagerungen von Amyloid-Molekülen in der Blutgefäßwand Blutungsereignisse. Vor dem 40. Lebensjahr stehen Blutgefäßfehlbildungen, wie z.B. Aneurysmen oder Querverbindungen zwischen Arterien und Venen, an erster Stelle möglicher Blutungsursachen.
Risikofaktoren
Leider ist heutzutage die Häufigkeit juveniler Schlaganfälle zunehmend, wofür vor allem die gegenüber früheren Epochen veränderten Lebensgewohnheiten und -umstände verantwortlich sind. Hier sind ungesunde Ernährungsweisen, Bewegungsmangel und Übergewicht zu nennen, die zur Entstehung von Risikofaktoren wie Bluthochdruck und Diabetes beitragen.
Zudem wird das Niveau an individuell erfahrenem Stress in Beruf oder Privatleben in der Gegenwart als besonders hoch bewertet, was sich wiederum ungünstig auf das Schlaganfallrisiko auswirkt.
Eine erhöhte Gefahr, einen juvenilen Schlaganfall zu erleiden, besteht bei Vorliegen der folgenden Faktoren:
- Schlaganfälle oder deren Risikofaktoren bei Familienangehörigen
- Eigene Vorerkrankungen/Risikofaktoren, wie Bluthochdruck, Diabetes, bestimmte Hautveränderungen, bestimmte genetische Syndrome, wie das Down-Syndrom, frühere Schlaganfälle o.ä.
- Ungesunder Lebensstil
- Alter und Geschlecht (s.o.)
- Bestimmte psychische Erkrankungen, wie eine depressive Störung
Gibt es genetische Faktoren?
Genetische Faktoren sind ebenfalls an der Entstehung juveniler Schlaganfälle beteiligt. Von Bedeutung sind insbesondere:
- Blutgerinnungsstörungen, wie Faktor-V-Leiden-Mutation oder Prothrombin-Mutation
- familiäre Gefäßaussackungen (Aneurysmen)
- Erkrankungen der „Kraftwerke der Zellen“, der Mitochondrien, z.B. die mitochondriale Enzephalomyopathie mit Laktatazidose und schlaganfallähnlichen Episoden (MELAS)
- erblich bedingte Stoffwechselstörungen, wie Homocystinurie oder Störungen im Fettstoffwechsel
- genetische Syndrome, wie das Ehlers-Danlos-Syndrom und das Marfan-Syndrom oder auch CADASIL (Cerebral Autosomal Dominant Arteriopathy with Subcortical Infarcts and Leukoencephalopathy)
Sind Frauen und Männer unterschiedlich gefährdet?
Juvenile Schlaganfälle können beide Geschlechter betreffen, allerdings sind junge Frauen aufgrund folgender Faktoren in bestimmten Lebenssituationen stärker exponiert.
So stellt die Migräne mit Aura einen Risikofaktor für Schlaganfälle dar und betrifft häufiger junge Frauen. Im höheren Lebensalter besteht eine umgekehrte Verteilung.
Verhütung durch Einnahme der Pille begünstigt Schlaganfälle ebenfalls. Je niedriger der Östrogenanteil, desto niedriger ist jedoch auch das Schlaganfallrisiko. Wer zusätzlich raucht, hat ein höheres Risiko als bei alleiniger Einnahme oraler Kontrazeptiva.
Bei Eintreten einer Schwangerschaft ist vor allem der Zeitabschnitt kurz vor der Geburt und während der unmittelbar auf die Entbindung folgenden Wochen mit einem etwas erhöhten Schlaganfallrisiko verbunden.
Jenseits dessen kann eine Schwangerschaft mit anderen Krankheitsbildern einhergehen, die ihrerseits zu Schlaganfällen führen können: (Prä-)Eklampsie, reversibles zerebrales Vasokonstriktionssyndrom (RCVS, s.o.), posteriores reversibles Enzephalopathiesyndrom (PRES) oder auch Sinus-/Hirnvenenthrombosen.
Wichtig sind hier eine gründliche Aufklärung und Zusammenarbeit durch bzw. von Gynäkologen und Neurologen mit dem gemeinsamen Ziel, Risikofaktoren zu vermeiden und etwaige Komplikationen schnellstmöglich zu erkennen und bestmöglich zu behandeln.
Vorsorge
Die Vorsorge zum juvenilen Schlaganfall deckt sich weitergehend mit der generellen Vorsorge zu Schlaganfall.
Vorsorgeuntersuchungen zur Früherkennung von Risiken für einen juvenilen Schlaganfall können helfen, potenzielle Probleme frühzeitig zu identifizieren. Doch während allgemeine ärztliche Überprüfungen des gesundheitlichen Status in regelmäßigen Abständen generell zu empfehlen sind, sind speziellere Untersuchungen vor allem bei konkreten Hinweise auf die genannten Risikofaktoren eines juvenilen Schlaganfalls sinnvoll.
Zum Einsatz kommen dann ggf. erweiterte Blutuntersuchungen auf z.B. Störungen der Blutgerinnung, eine Autoimmunerkrankung oder bestimmte genetische Tests. Ultraschall der Adern, die vom Herzen zum Hirn führen sowie des Herzens selbst können ebenso hilfreich sein wie eine MRT- oder CT-Untersuchung von Gehirn und Adern. Ausführlichere Untersuchungen des Herzrhythmus zeigen mit zunehmendem Alter immer häufiger die Ursache von Hirninfarkten an.
Unabhängig davon, von welcher Art des juvenilen Schlaganfalls jemand bedroht ist und ob es konkrete Maßnahmen zur Vorbeugung gibt, ist es immer sinnvoll, neben möglichen für das Krankheitsbild kennzeichnenden präventiven Schritten grundlegende Risikofaktoren für Schlaganfälle, wie Bluthochdruck, erhöhte Blutzucker- oder -fettwerte, Bewegungsmangel, Rauchen und Übergewicht so gut wie möglich zu beeinflussen.
Verlauf
siehe unter Schlaganfall
Diagnose
siehe unter Schlaganfall
Therapie und Behandlung
siehe unter Schlaganfall
Aussicht auf Heilung
Sind die Aussichten, sich zu erholen, besser als bei älteren Menschen?
Zwar können auch jüngere Menschen Schlaganfälle erleiden, jedoch verläuft die Rehabilitationsphase häufig positiver als bei älteren Betroffenen. Das ZNS ist im jüngeren Alter anpassungsfähiger.
Dennoch beträgt der Anteil derer, die nach juvenilem Schlaganfall ihre bisherige berufliche Tätigkeit wieder aufnehmen lediglich 40 Prozent und ein Drittel der Betroffenen bleibt längerfristig arbeitsunfähig.
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit weiterer Schlaganfälle in späteren Jahren?
Für den juvenilen Hirninfarkt gilt, dass die Sterblichkeitswahrscheinlichkeit 4,5 Prozent und die Gefahr eines erneuten Hirninfarktes 1,5 Prozent beträgt. Die entsprechenden Häufigkeiten bei älteren Menschen betragen bis zu 35 Prozent, bzw. bis zu 15 Prozent.
Eine vollständige Erholung von den Schlaganfallsymptomen erfahren 30 Prozent der Patient/-innen, während eine moderate Behinderung bei 59 Prozent verbleibt. Die restlichen Betroffenen tragen schwerere Beeinträchtigungen davon.
Die Wahrscheinlichkeit, nach einem juvenilen Schlaganfall weitere Schlaganfälle zu erleiden, kann variieren und hängt von mehreren Faktoren ab, insbesondere von den Ursachen und Risikofaktoren des ersten Schlaganfalls und davon, wie gut es gelingt, diesbezüglich das künftige Risiko zu minimieren.
So können Herzrhythmusstörungen oder Engstellen der Adern auf ihrem Weg zum Gehirn beispielsweise in der Regel gut behandelt werden, wohingegen die Möglichkeiten der Beeinflussbarkeit bei anderen Krankheitsbildern nicht so vielversprechend sind. Hier bedarf es jeweils einer individuellen Beratung durch die behandelnden Ärzte.
Grob gilt, dass ungefähr 10-15 Prozent aller Patienten, die einmal einen Schlaganfall erlitten haben, binnen fünf Jahren einen weiteren Schlaganfall erleiden. Es Ist davon auszugehen, dass dieses Wiederholungsrisiko bei jungen Menschen tendenziell niedriger als bei älteren Erwachsenen.
Wie alt kann man nach einem Schlaganfall werden?
Wie sich ein juveniler Schlaganfall auf das erreichbare Lebensalter auswirkt, kann nicht genau vorhergesagt werden. In jedem Fall tragen gesunde Lebensgewohnheiten und die bewusste Meidung von Risikofaktoren zur Langlebigkeit in Gesundheit bei.
Alltag
siehe unter Schlaganfall
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