Forschung

Die neurologische Forschung hat in den vergangenen Jahren wichtige Erkenntnisse gewonnen, welche die Behandlung zahlreicher Krankheiten bereits heute entscheidend verbessern. An dieser Stelle halten wir Sie über die aktuelle Forschung auf dem Laufenden und erläutern, wie Menschen davon künftig profitieren können.

08.12.2020

Corona-Spätfolgen: Bin ich betroffen, ohne es zu wissen?

Junge Frau mit Maske schaut aus dem Fenster © Canva

Ständig erschöpft, Kopfschmerzen, Probleme zu riechen und zu schmecken? Wer sich mit dem Coronavirus infiziert hat, leidet danach oft an solchen neurologischen Symptomen und Spätfolgen. Das geht auch Menschen so, bei denen die Corona-Infektion ohne Diagnose verlief oder die sie nicht einmal bemerkt haben – und das sind viele. Die Deutsche Hirnstiftung beantwortet dazu die wichtigsten Fragen.

Wie viele Menschen könnten bereits unerkannt mit dem Coronavirus infiziert gewesen sein?

Mehr als ein Prozent der über 80 Millionen Bundesbürger – das zeigt eine laufende Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI). Die absolute Zahl der Betroffenen geht also womöglich in die Hundertausende.

Was sind typische neurologische Spätfolgen des Coronavirus‘ und wen betreffen sie?

Die Spätfolgen können jeden Corona-Patienten treffen, auch junge und an sich gesunde Menschen. Die häufigsten anhaltenden Symptome sind Müdigkeit und Erschöpfung. Viele der Corona-Patienten leiden darunter auch nach Ende der Infektion. Betroffen sind mitunter sogar Patienten, die nur eine milde und wenig kraftzehrende Ansteckung hinter sich haben. Sehr verbreitet sind zudem Probleme zu riechen und zu schmecken. Weitere Spätfolgen können Muskelschmerzen, Kopfschmerzen und Schwindel sein.

Wie häufig sind bei Corona Spätfolgen ohne eigentliche Erkrankung?

Das lässt sich zurzeit noch nicht beziffern. Es liegen aber viele Berichte von Betroffenen vor. Einen Anhaltspunkt gibt der Vergleich mit Patienten, die einen milden Krankheitsverlauf hatten. Hier klagt jeder Dritte über anhaltende Probleme. Bei Menschen mit einer schweren Coronavirus-Infektion sind sogar vier von fünf betroffen.

Warum ist es wichtig, neurologische Probleme schnell zu erkennen?

Je früher die Probleme erkannt werden, desto besser kann man entgegenwirken. Viele neurologische Symptome entstehen indirekt, etwa weil das Immunsystem gestört ist. Dagegen helfen Medikamente. Durch eine rechtzeitige Behandlung lassen sich Spätfolgen so verhindern.

Wann sollte ich mich bei Verdacht auf Corona-Symptome an einen Neurologen wenden?

Sind der Geschmack oder Geruch gestört, braucht man nicht gleich zum Neurologen zu gehen. Wenn man genesen ist, stellen sich beide meist nach wenigen Tagen wieder ein. Ähnlich ist es bei Kopfschmerzen. Halten die Beschwerden länger an, wird der Hausarzt einen zum Neurologen überweisen. Das gleiche gilt, wenn sich neurologische Symptome erst einstellen, nachdem man eine erkannte Infektion bereits überstanden hat. Das können Probleme sein, sich zu konzentrieren, Wörter zu finden oder ein Kribbeln in den Gliedmaßen.

Was mache ich bei schwerwiegenden neurologischen Symptomen?

Bei schweren Symptomen sollte man sich immer sofort in die Notaufnahme eines Krankenhauses bringen lassen oder den Notruf wählen. Eile geboten ist bei Lähmungen, schwerer Benommenheit oder Verwirrtheit. Dasselbe gilt bei den typischen Anzeichen eines Schlaganfalls. Diesen erkennt man etwa durch einen herunterhängenden Mundwinkel, Sprachprobleme oder wenn man nicht mehr gleichzeitig beide Arme anheben kann.

Was lässt sich gegen eingetretene Spätfolgen tun?

Spätfolgen lassen sich durch eine gezielte Reha behandeln. Also etwa wenn man in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist, anhaltende Lähmungen hat oder dauerhaft erschöpft ist. Wer längere Zeit nicht mehr riechen kann, dem hilft oft ein spezielles Riechtraining. Gegen andere Beschwerden wie Kopf- oder Muskelschmerzen kann der Neurologe Medikamente verschreiben.

Was muss ich beachten, wenn ich bereits eine neurologische Erkrankung habe?

Patienten mit Parkinson, Demenz oder nach einem Schlaganfall haben ein höheres Risiko, dass die Corona-Infektion bei ihnen schwerer verläuft. Sie sollten sich daher besonders vor einer Ansteckung schützen. Das heißt also Abstand halten, Hände waschen, Mund-Nase-Maske tragen und soziale Kontakte auf ein Minimum beschränken. Wenn man mit Menschen aus einem anderen Haushalt in einem Raum ist, sollte man regelmäßig gut lüften.

Sind auch junge Leute von neurologischen Spätfolgen durch das Coronavirus betroffen?

Ja, auch junge Menschen können Spätfolgen wie anhaltende Müdigkeit und Erschöpfung entwickeln. Solche Symptome betreffen nicht nur alte oder vorerkrankte Menschen.

Wie lange halten die Spätfolgen einer Coronavirus-Infektion an?

Das ist individuell unterschiedlich. Bekannt ist aber, dass es im Falle einer anhaltenden Müdigkeit oder Erschöpfung viele Wochen und Monate dauern kann. Oft ist eine Reha notwendig, bevor sich die Betroffenen wieder ganz gesund fühlen.

Wie beantrage ich eine Reha? Gibt es Einrichtungen, die neurologische Spätfolgen behandeln?

Mittlerweile gibt es spezielle Reha-Einrichtungen für Corona-Patienten und auch solche, die sich auf neurologische Spätfolgen spezialisiert haben. Eine Reha erfolgt entweder direkt nach dem Krankenhaus. Oder man beantragt sie, wenn die Spätfolgen so gravierend sind, dass der Patient berufsunfähig werden könnte. Der Hausarzt hilft dann, den Antrag für die Reha zu stellen und begründet, warum sie medizinisch notwendig ist. Dabei kann es erforderlich sein, mit einem Antikörpertest nachzuweisen, dass man Corona hatte.

Kann ich andere Menschen mit dem Coronavirus anstecken, wenn ich neurologische Spätfolgen habe?

Nein. Patienten sind vor allem zu Beginn der Corona-Infektion ansteckend. Das heißt, wenn sie erste Symptome wie Husten oder Fieber haben und ein paar Tage zuvor. Dann wird es immer weniger wahrscheinlich, dass man andere Menschen ansteckt. Die meisten Patienten sind bereits zehn Tage nach Beginn der Krankheit kein Risiko mehr für andere. Wer sichergehen möchte, lässt sich nach Abklingen der Infektion erneut auf das Coronavirus testen.

Wie entstehen beim Coronavirus neurologische Symptome überhaupt?

Es gibt verschiedene Ursachen. Wahrscheinlich kann das Coronavirus von der Nasenschleimhaut direkt bis zum Gehirn vordringen und so neurologische Symptome auslösen. Bei schwer erkrankten Corona-Patienten entstehen die meisten neurologischen Probleme aber aus anderen Gründen. Nämlich weil der Körper mit einer zu starken Entzündungsreaktion auf das Virus antwortet oder das Immunsystem falsch reagiert. Ein weiterer Grund können auch die Atemprobleme sein. Sie führen dazu, dass im Gehirn Sauerstoff fehlt.

Die Fragen beantwortete Prof. Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN).

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Tipp: Detaillierte wissenschaftliche Informationen zum Coronavirus aus neurologischer Sicht gibt es bei der DGN unter: dgn.org/neuronews/journal-club – oder unten im Podcast mit Prof. Dr. Peter Berlit.

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